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Zur Sonne, Zur Freiheit!
Rammstein & Apocalyptica
auf großer Fahrt
Insgesamt vier Monate sind die Pyromanen von der Spree kreuz und quer durch Europa unterwegs gewesen, um mit ihrem aktuellen Album “Reise, Reise" an Bord während unzähliger Auftritte über einer geschätzten halben Million internationaler Fans effekt-geladen und phonstark ihr ureigenes Industrialmetal-Fernweh zu klagen. Wir trafen die Rammsteiner auf ihrem Tour-abschnitt mit den finnischen Kettensägen- Cellisten von Apocalyptica auf einem der wenigen Deutschlandgigs, um gemeinsam mit Rammstein-Gitarrist Paul Landers und Apocalyptica-Mastermind Eicca Toppinen über verpatzte Soli, glühende Stiefel und wilde Aftershowpartys zu sinnieren.
War es schwer, wieder in einen gewissen Tour-rhythmus hineinzufinden?
Eicca: Oberhaupt nicht! Wir spielen so viele Auftritte, dass wir uns richtig heimisch fühlen, wenn wir in den Bus einsteigen und auf Tour gehen! Wir sind auf Tour eine richtige kleine Familie. Üblicherweise stellt sich auf längeren Touren immer so eine Art Gig-Koma ein, bei dem man sich kurz vor der Show völlig ausgelaugt fühlt. Doch mit Rammstein fällt as nicht ganz so schlimm aus.
Paul: Wir hätten vorher nicht gedacht, dass wir überhaupt noch touren können, doch komischerweise hat sich diese Tour als die bisher leichteste überhaupt herausgestellt! Es geht immer noch tourmäßig aufwärts mit uns: Früher war es eher die Ausnahme, vor 10,000 Leuten zu spielen, heute tun wir dies jedes Mal und welt-weit! Es ist einfach unglaublich, in Finnland 10,000 Leute vor der Halle,,Reise, Reise" singen zu hören. Außerdem haben wir das grobe Glück, uns nach zwölf Jahren noch alle zu mögen und gut miteinander zusammenzuarbeiten. Für mich ist dies die erste Tour, die mir wirklich Spaß macht! Früher fragte man sich sehr oft: Was mache ich eigentlich hier? Heute sind wir in Paris, New York, Tokio - des fetzt!
Wie lange dauern die Vorbereitungen zu einer solch aufwändigen Mammutproduktion?
Eicca: Wir spielen nur knapp 40 Minuten, die Vorbereitungen waren diesmal nicht so wirklich anstrengend, wir haben vor der Tour knapp eine Woche geprobt. Eigentlich betrachten wir die Shows ja auch als eine Art Warm-up für unsere Headliner-Tour im Anschluss. Es ist schon sehr komisch: Wir spielen als Aufwärmübung mit Rammstein vor 10,000 Leuten pro Nacht, um für unsere eigene Tour zu proben, bei der wir vor 2,000 Leuten spielen. Welche Band hat das schon gemacht? Wir haben schon vor über 200,000 Menschen gespielt - normalerweise müssten wir für diese Zahl ungefähr 150 Clubshows machen! Wir waren wohl noch nie so gut auf eine Tour vorbereitet wie auf die kommende. Unser Bühnenset ist zwar mit den Flaggenständern und den großen Thronähnlichen Teilen eher spartanisch, es passt aber sehr gut zur Atmosphire unseres Gigs!
Paul: Grundsätzlich ist bei uns die Vorbereitungszeit immer zu kurz. Alles passiert zu knapp und in Hektik. Doch mittlerweile kennen wir ja langsam die Abläufe und wir haben auch nicht mehr den Ehrgeiz, uns für jede Tour völlig neu zu erfinden. Wir haben bemerkt, dass wir den jeweiligen Special-Effect bei einem Song durchaus nicht verändern müssen wenn dies beim Publikum gut ankommt. Eine solche Show aufzubauen, ist sehr schwierig und hat auch irgendwie etwas mit taktischer Kriegsführung zu tun: Bodentruppen da lang, Kavallerie links herum und wenn alle abgemetzelt sind, kommen wir vor hinten auf unseren Kamelen... Unsere heutige Stamm-Crew ist durch die Jahre mitgewachsen – auch hierdurch reduziert sich natürlich die Vorbereitungszeit drastisch. Außerdem proben wir auch immer noch während der ersten Shows, ändern um und verbessern.
Sind die Anderungen im Ablauf auch als Vorbeugung gagen eventuelle Langeweile zu sehen?
Paul: Keinesfalls. Wir mögen Änderungen überhaupt nicht! Wir haben keinen Bock auf Soundcheck und Proben - das nervt uns alles sehr. Wir wollten heute zum Beispiel nur einen Song im Set austauschen - da hat Till schon einen Wutanfall bekommen. Einige von uns wollen am liebsten jeden Tag ein neues Set spielen, andere wollen immer das gleiche. Aber die Band an sich ist eigentlich schon zufrieden, wenn die Schienen erst einmal richtig liegen und dann wird einfach gefahren: Jeden Tag mit stumpfem Gesicht, wie in einem Theaterstück. Bei Shakespeare sprechen die Schauspieler manchmal lauter, manchmal leiser. Aber sie sprechen auch jeden Tag den selben Text, gehen über die Bühne, holen sich ein Glas Wein. So sind wir auch.
Was dem allgemeinen Bild von einer Rockband ja eigentlich widerspricht!
Paul: Wir sind keine Rockband! Wir sind eine Art Zirkus! Eigentlich so etwas wie Gwar in ordentlich. Ich denke, die leute erwarten es auch so. Wir haben zwar immer wieder versucht, zu improvisieren, wollen aber alles immer gleichbleibend, einen fester Fahrplan und los! Die eigentliche Abwechslung sind für uns die Halle, die Stadt und dann die Party nach dem Auftritt.
Ist es schwer, war Rammstein-Fans zu spielen?
Eicca: Wir hatten es uns im Vorfeld schwieriger vorgestellt, doch eigentlich ist as nicht sehr schwer. In Deutschland haben die leute größtenteils schon von Apocalyptica gehört, doch in England oder Frankreich kennt man uns dagegen kaum. Doch spätestens nach dem dritten Song machen überall alle Leute so richtig mit!
Technisches Equipment Rammstein:
6 Musiker
600,000 Watt Lichtanlage
112,000 Watt Soundanlage
ca. 10 Kilometer verlegte Leitungen
40 Kilogramm Pyro/ Lycopodium
20 Kilogramm Konfetti
200 Kilogramm CO2
35 Tonnen Stahl (Bühnenaufbau)
5 Tonnen Aluminium (Bühnenset)
13 Trucks
13 Trucker
45 Crew-Mitglieder
4 Busfahrer
4 zusätzliche Feuerwehrmänner
Am 28.02. erschien mit „Keine Lust" nun schon die vierte Single-auskupplung aus „Reise, Reise"!
Paul: Zugegebenerweise waren die Singleveröffentlichungen etwas hastig, leider ging es jedoch aus logistischen Gründen nicht anders. Die Plattenfirma schlug uns eigentlich vor, „Moskau" als nächste Single zu machen, doch darauf hatten wir keine Lust. For „Keine Lust" haben wir uns deshalb entschieden, weil „Amerika" schon sehr schwülstig war und dann kam auch noch „Ohne dich" - was eigentlich for Weihnachten völlig okay war, alle konnten weinen - doch nun wollten wir wieder etwas Frischeres machen.
Apocalyptica als Vorband zu rekrutieren, ist eine eher ungewöhnliche Wahl: Teutonische Materialschlacht gegen finnischen Sitz-Minimalismus...
Paul: Es gibt Bands, die einfach so gut sind, dass sie keine großen Materialschlachten nötig haben. Es ergreift mich sofort, wenn ich Apocalyptica live spielen sehe - selbst, wenn sie dabei sitzen. Meinetwegen könnten sie dabei auch Brötchen essen. Außerdem knistert die Luft, wenn sie spielen, und ihr Schlagzeuger ist eine echte Eins! Im Vorfeld war ich skeptisch, wie sie „Bittersweet" umsetzen würden, doch ich habe die beiden Singer live nicht vermisst. Einwandfrei!
Welche Unterschiede beziehungsweise Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Rammstein und Apocalyptica?
Paul: Der größte Unterschied ist wahrscheinlich, dass Apocalyptica keinen Singer haben. Um den großen Erfolg zu haben, muss man schon einen festen Singer haben - allerdings wären Apocalyptica dann nicht mehr die selben. Es ist sehr schwierig for sie, aber sie sind die ideale Vorband: Nehmen keinen Platz weg, heizen den Leuten richtig gut ein und nerven uns nicht! Als Hauptact sitzt du gezwungenermaßen während des Supportbandauftritts in deiner Garderobe und musst dir Backstage das dumpfe Gerumpel und Gedröhne aus Richtung Bühne anhören - das kann schon nerven auf die Dauer! Eine gute Vorband guckt man sich gern an und lässt sich inspirieren. Das letzte Mal hatte ich so etwas bei Within Temptation vor einigen Jahren.
Eicca: Ich denke, es gibt beim Songwriting eine ganze Menge Gemeinsamkeiten! Auf unserem „Reflections"-Album gibt es den Song „Heat" - er wurde sehr von verschiedenen Rammstein-Songs wie zum Beispiel ,,Sonne" inspiriert!
Was lernt man auf gemeinsamen Touren voneinander? Wird vom jeweils anderen abgeguckt?
Eicca: Ihre ganze Produktion ist einfach großartig! Allerdings muss ich auch sagen, dass, je öfter wir uns die Rammstein-Shows ansehen, desto mehr sind wir überein gekommen, dass diese Menge von Special-Effects nichts für uns wäre. Für uns ist es wichtiger, den Fokus auf unsere Stärken - die Musik und das Spiel - zu legen! Obwohl dieses ganze Feuerwerk natürlich sehr schon anzusehen ist, brauchen wir das for unsere Auftritte nicht. Wenn wir so etwas benutzen worden, dann eher in Spinal Tap-Manier: Raketen aus dem Cello oder explodierende Celli!
Paul: Von jeder Band mit Existenzberechtigung kann sich jeder immer irgend etwas abgucken! Deswegen freue ich mich immer, wenn wir auf Festivals spielen: Bei Pearl Jam zum Beispiel habe ich demals den lautesten Schrei und Jubel überhaupt gehört, als kurz vor dem Gig das Saallicht ausging! Und dann stehen da plötzlich ein paar Typen in Hemden und Jeans auf der Bühne, nur wenig Lightshow und die Leute sind dermaßen ausgerastet! Wir betreiben mit unserer Show immer einen Heidenaufwand, und die Typen standen einfach nur da und haben die Massen begeistert... Es war für mich sehr wichtig, zu sehen, dass man auch mit einfachen Mitteln die Leute zum Wahnsinn treiben kann.
Was hat dich am meisten an Rammstein-Shows beeindruckt?
Eicca: Am meisten die Musik! Ich war schon immer ein großer Fan, genauso wie meine beiden Söhne heute!
2003 wurde von Flake das Mein Herz Brennt-Klassikprojekt mitinitiiert. Wäre ein Rammstein-Auftritt mit einem großen Klassikorchester für euch denkbar?
Paul: Nein. Man wird alt und lasch und irgendwann steht dann ein Orchester auf der Bühne und dann noch Bläser, Background-Tanten und ein Bongo-Spieler. Ich würde mich sehr freuen, wenn mir dies erspart bliebe! So ist es alles schon schlimm genug...
Apropos: Welche Unfälle gibt es bisher pyrotechnisch auf der Tour zu beklagen?
Paul: Keine allzu großen.WennTill bei ,,Du riechst so gut" seinen Bogen schwingt, fallen mir immer Funken in den Stiefel, die im Schuh noch nach-glühen. Wenn Till bei „Ohne dich" unter der Funkendusche steht, dann leidet er auch immer sehr. Er hat auf dem Rücken schon richtige Löcher gebrannt. Unsere Pyro-Leute hängen das Teil auch immer tiefer, um ihn zu ärgern! Ein normaler Mensch würde sicher keine zwei Sekunden darunter aushalten, doch Till sieht das eher als sportliche Herausforderung...
Wann ist bei euch effektmäßig Schluss? lmmerhin knallt, raucht und böllert es bei fast jedem Song aus allen Rohren?
Paul: Natürlich lenken die Effekte sehr von der Musik ab, obwohl dies gar nicht nötig wäre. Doch wann man einmal damit angefangen hat, ist es sehr schwer, wieder damit aufzuhören! Wir versuchen schon, nicht zu viele Effekte in die Show einzubauen - eigentlich wollten wir die Show ganz ohne spielen - aber auch nicht zu wenig.
Bei einigen Shows habt ihr als Special Guests gemeinsam mit Rammstein den Song „Ohne dich" performt - gibt es Pläne, mit Till Lindemann zusammen zu arbeiten?
Eicca: Wahrend zwei Deutschland-Gigs musste ich den gemeinsamen Auftritt leider canceln, da ich mit hohem Fieber im Bett lag und kaum unseren eigenen Set durchgestanden habe. Es wäre wirklich eine phantastische Sache, auf unserem nächsten Album mit Till einen Song zu machen.
Wer bekommt nach der Show die schöneren Groupies ab?
Paul: Ehrlich gesagt habe ich darauf noch nicht geachtet! Ich gehe abends eigentlich immer zeitig ins Bett.
Eicca: Ich muss wirklich sagen. dass zu unseren Konzerten viel mehr Mädchen kommen als zu denen von Rammstein! Allerdings interessieren wir uns nicht mehr für Groupies - wir sind alle alte und verheiratete Männer! Die Aftershowpartys sind immer sehr, sehr böse! Mal ernsthaft: Es ist wirklich sehr cool, nach den Auftritten mit den Rammstein-Jungs zu plaudern und ein Bierchen zu trinken!
Technisches Equipment Apocalyptica:
4 Cellisten
1 Drummer
4 Stühle
4 Riser
1 Drum-Riser
1 Schlagzeug
3 Celli
1 Lichtrechniker
1 Tourmanager
1 Soundtechniker
1 Nightliner
1 Busfahrer
© 2005 Sue Lindemann
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