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Till interview - Ostsee-Zeitung 21-Nov-02

"Es gibt nichts Schlimmeres als Mittelmaß"
Interview mit Rammstein-Sänger Till Lindemann zu dessen Gedichtband „Messer“

Berlin (OZ) Till Lindemann, Leadsänger der Rockgruppe Rammstein, hat neben seinen Songtexten in den letzten Jahren Gedichte geschrieben, die jetzt unter dem Titel „Messer“ – zusammen mit einer kunstvollen Serie Lindemann-Fotos bei Eichborn erschienen sind. Wie die Gedichte ankommen, ist dem vielseitigen Künstler jedoch völlig egal, sagt er im OZ-Interview.

OZ: Seit wann schreiben Sie Gedichte?
Lindemann: Mit 28 oder 29 begann ich, Textstrukturen aufzuschreiben. Das waren einzelne zerrissene Sätze, zum Teil einzelne Wörter, noch keine Gedichte.

OZ: Mochten Sie so etwas in der Schule?
Lindemann: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Wenn du gezwungen wirst, etwas zu lesen, macht das nie Spaß. Letztlich muss man das selber für sich entdecken. Jeder muss entscheiden, ob er auch mal auf so einer Seitengasse rumfährt und nicht nur auf der Mainstreet. Für mich waren Gedichte eine absolute Entdeckung, wenn auch eine späte. Mein Vater (der Kinderbuchautor Werner Lindemann /d. R.) hatte ja auch welche geschrieben, die fand ich aber ganz furchtbar. Deshalb dauerte es eine Weile, bis ich da wieder aus der Deckung kam.

OZ: Sport lag Ihnen als Jugendlicher offenbar mehr. Sie waren ein erfolgreicher Schwimmer beim SC Empor Rostock, immerhin Junioren-Vizeeuropameister.
Lindemann: Ich mochte die Sportschule eigentlich nie, das war schon heftig. Aber als Kind konntest du dich nicht dagegen wehren.

OZ: Sie haben keine guten Erinnerungen an Ihre Heimatstadt?
Lindemann: Doch. Ich fahre auch nicht nur gern nach Rostock, weil mein Sohn dort lebt, sondern gehe auch gern am Strand in Warnemünde lang.

OZ: Hatten Sie früher den Traum, berühmt zu werden?
Lindemann: Überhaupt nicht.

OZ: Jetzt sind Sie es, ist Ihnen das heute wichtig?
Lindemann: Eher wenig. Man kriegt Freikarten fürs Kino und kann seine Strafzettel locker bezahlen. Ansonsten ist mir das egal.

OZ: Ist Ihnen auch egal, wie Ihre Gedichte ankommen?
Lindemann: Völlig egal.

OZ: Mit der Band Rammstein haben Sie sich oft gegen die Unterstellung gewehrt, Sie würden mit rechtem Gedankengut sympathisieren. Haben Sie auch bei den Gedichten die Sorge, missverstanden zu werden?
Lindemann: Ich habe Befürchtungen, aber keine Sorge. Ich rechne ganz fest damit, dass es so kommt. Es wird wohl so sein: Entweder werden die Texte angenommen oder total abgelehnt. Doch eigentlich kann das nur gut sein, denn so denkt man über sie nach. Allen Recht machen kann man\'s sowieso nicht, aber es gibt nichts Schlimmeres als Mittelmaß, wenn man so in dieser Springschicht schwimmt zwischen kalt und heiß.

OZ: Poesie steht gemeinhin für Feinfühligkeit. Ihre Texte behandeln das Morbide, sind verbale Hinrichtungen, heißt es im Vorwort. Wollten Sie den Tabubruch?
Lindemann: Auch, obwohl das nicht meine primäre Absicht ist. Andererseits freut man sich schon ein bisschen, dass sich jetzt sicher wieder viele aufregen. Man sollte das mit einem Schmunzeln betrachten und nicht alles so ernst nehmen.

OZ: Macht es Ihnen Spaß, was Kritiker aus Ihren Texten heraus und in Ihre Denke hinein interpretieren?
Lindemann: Unbedingt (lacht). Das ist ein schöner Nebenbei-Effekt.

OZ: Als Sie die Texte schrieben, hatten Sie da schon im Hinterkopf, sie einmal zu veröffentlichen?
Lindemann: Das kam eigentlich erst in den letzten zwei Jahren. Den Anstoß gab Gert Hof (Herausgeber des Buches/d. R.). Er meinte, es wäre schade, sie nicht zu drucken. Ich hatte ihm immer mal einen Schwung Gedichte gegeben, und er hat vorgesiebt. Auf einmal standen da Termine, weil sich tatsächlich ein Verlag gefunden hatte. Daran hatte ich anfangs gar nicht geglaubt .

OZ: Was animiert Sie zu Gedichten?
Lindemann: Das kann etwas Erlebtes, Geträumtes, Gelesenes oder im Fernsehen Gesehenes sein. Es gibt so viel, die Themen liegen ja überall herum.

OZ: Den meisten Menschen fällt es schwer, ihre intimsten Gedanken öffentlich preiszugeben. Ihnen offenbar nicht?!
Lindemann: Das sich Öffnen kam bei mir nicht von heute auf morgen, sondern passierte in kleinen Schritten. Meine Erfahrung ist, dass die Leute bei meinen Texten immer auf ein „Mehr, mehr, mehr“ gewartet haben. Irgendwann habe ich gesagt hat: Gut, jetzt gehe ich von der Vagina direkt zur Fotze über. Es hat auch keinen gestört, wir leben eben in so einer Zeit. Ich finde es trotzdem fantastisch, wenn man solche intimen Dinge lieber durch die Blume sagt. Aber wenn sich beides verbindet – alte Sprache mit diesen knallharten Parolen von heute, dann kriegt es so was Neobarockes. Es ist wie eine alte Säule mit einem Lackanstrich. Es knallt.

OZ: Wo ist der Unterschied, wenn Sie Songtexte für Rammstein oder Gedichte schreiben?
Lindemann: Bei Songtexten bekomme ich zuerst die Musik und versuche dazu eine Stimmung zu entwickeln. Das läuft viel filigraner und nach ganz anderen Richtlinien. Man muss einen Refrain bedienen, einzelne Wörter finden, versuchen, die Musik mit dem Wort zu unterstützen. Beim Gedicht bin ich völlig frei.

OZ: Sie wollen auch eine Leseshow mit Ihren Gedichten machen?
Lindemann: Irgendwann, aber da ist noch nichts Konkretes geplant. Meine Prämisse bleibt aber immer die Musik. Wir arbeiten gerade am neuen Rammstein-Album.

OZ: Ein amerikanischer Germanistikstudent will nach der psychoanalytischen Untersuchung des Rammstein-Liedes „Du riechst so gut“ einen Ödipuskomplex bei Ihnen entdeckt haben. Stört es Sie, wenn Ihre Texte derart seziert werden?
Lindemann: Der Typ hat eine fantastische Abhandlung und eigentlich eine Lobeshymne auf den Songtext geschrieben. Aber da ist einfach ein Schlagwort rausgepflückt und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Das ist genau dieser Journalismus, der mich absolut ankotzt, denn ich kann das in den seltensten Fällen – wie jetzt zum Beispiel – auflösen. Du stehst dann eben da wie ein Idiot und kannst nichts machen, obwohl es die Unwahrheit ist, in gewisser Hinsicht Rufmord. Das ist die einzige Geschichte, wo ich wirklich Hass kriege. Bei Rammstein haben wir das auch mal mit einem Fernsehjournalisten erlebt. Der hatte ein Interview so zusammengeschnitten, dass meine Aussagen plötzlich in einem ganz anderen Kontext auftauchten und wir als Fans des Nazi-Baumeisters Speer dastanden. Das ist eine ganz üble Sache, eine Story auf anderer Leute Kosten zu basteln.

OZ: Was sagten Ihre Rammstein-Kollegen zu Ihren Gedichten?
Lindemann: Wir kennen uns seit 20 Jahren, da ist man einfach befangen. Die würden nie sagen: Ey, das ist ja geil.

Interview: GUNNAR LEUE
Till Lindemann, Messer, Gedichte, Eichborn-Verlag, 176 S. Euro 29,90,
ISBN 3-8218-09272

© 2005 Sue Lindemann

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