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Till interview - Netzeitung.de 04-Dec-02
Rammstein-Sänger Till Lindemann hat einen Foto- und Gedichtband veröffentlicht - und gewährt darin tiefe Einblicke in die Seele eines Misantrophen, irgendwo zwischen Ene-Mene-Mu und geheimnisvollem Raunen.
Von Peter Disch
Till Lindemann erinnert sich genau an das erste Mal. Ein Schloss am Schweriner See. Ein Blick aus dem Fenster. Zwielicht. Eine Assoziation. Plötzlich: Der Kuss der Muse. «Ich dachte: Das ist ein Impression, die ich einfach aufschreiben muss. Weil es schade wäre, wenn der Gedanke verloren ginge.»
So kommt es, dass wir der Seenplatte Mecklenburgs am Ende auch die Dampfhammer-Lyrik von Rammstein verdanken, die Lindemann als Sänger zur Musik der kontroversen deutschen Rockband beisteuert. Ein Gedicht- und Fotoband erlaubt nun tiefere Einblicke in die Gedankenwelt des polternden Misanthropen aus Berlin. Verheißungsvoller Titel: «Messer». Zu verdanken ist das 144 Seiten starke Werk Gert Hof. Der Lichtdesigner und Regisseur inszeniert seit Jahren die Live-Shows von Rammstein.
«Großartig. Haste noch mehr?»
Als Hof 1995 nach einem geeigneten Text für ein Konzert-Intro suchte, fragte er Lindemann. «Ich brachte ihm dann nach eigenem Gutdünken fünf, sechs Sachen vorbei.» Hof sah, las – und war überzeugt: «Großartig. Warum lässte das denn liegen? Haste noch mehr?» Lindemann hatte. In «Zehner- und Zwanziger-Päckchen» zeigte er zögernd, was in 15 Jahren zusammen gekommen war. Heimlich sichtete Hof die Texte und traf aus 1000 Gedichten eine Auswahl. Die Idee eines Buchs wurde konkreter. «Die vergangenen zwei, drei Jahre habe ich dann versucht, das zu vervollständigen.»
Über den «Zwang zum Schreiben»
Das dürfte Lindemann nicht schwer gefallen sein. Ob «im Flugzeug, Bus, Bett, vorm Fernseher, auf der Toilette» – dem «Zwang zum Schreiben, der eines Tages einfach da war», gibt er in jeder Lebenslage nach. Papier und Stift hat er immer dabei. Die Inspiration liefert der Alltag. «Man muss nur suchen.»
Ein Dialog im Film, die Nachrichten, eine komische Begebenheit auf der Straße – «manchmal reicht ein Wort, um den Zusammenhang zu einer anderen Idee herzustellen, die ich schon vorher hatte.» Der Bauchmensch Lindemann glaubt auch als Lyriker «an die ersten fünf Minuten, in denen so etwas entsteht.
Selbst der «größte Kritiker»
Das nachher in eine Form zu bringen, ist ein langwieriger Prozess, bei dem ich selbst mein größter Kritiker bin». Es muss die Lust am Einfachen sein, die so viel Zeit kostet. Zu den Songtexten von Rammstein verhalten sich Lindemanns Gedichte wie eine Single zur Maxi-Version. Einziger Unterschied: Während bei den Lyrics alle Musiker mitreden, ist Lindemann bei der Lyrik Herr über Versmaß und Reimschema.
Die schlichte Form ist in beiden Fällen aber meist die selbe. Auch «Messer» bietet Abzählreime, bei denen der Übergang von perfide zu profan fließend ist. Wie bei «Big in Japan»:
«Dies ist die traurige Geschicht,
von einem Mann der vor Gericht
steht, weil er unterm Lodenmantel
versteckte eine Hodenhantel
diese diente ihm zu Zwecken
kleine Kinder zu verschrecken
so stieg er vor den Kindergarten
die Rangen auf den Fremden starrten
er öffnete den Mantel weit
zu zeigen seine Fertigkeit
die Mädchen lachten ihm zur Schmach
da legte er drei Kilo nach
so schwer war das Gewicht noch nie
der Sack riss ab der Künstler schrie»
... und raus bist Du!
Zwischen Verzweifelung und Einsamkeit
Gedichte wie diese qualifizieren sich mühelos für die Ene-Mene-Mu-Liga. Am anderen Ende der Skala stehen Texte wie «Auf dem Friedhof» – frei in der Form und von einem geheimnisvollen Raunen:
„Als mein Vater noch lebte
erzählte er gerne so eine Kriegsgeschichte
ein Grantsplitter wäre durch den Leibrock in seinen Rücken gegangen
und man hätte ihn nicht entfernen können
sei zu dicht am Rückgrat
mit den Jahren seit das Schrapnell zwischen den Schultern gewandert
in einer großen Eitertasche
ich bin müde mir ist übel
und ich hab das Ding immer noch nicht gefunden.“
Dazwischen liegt das weite Feld von Verzweiflung, Sehnsucht, Einsamkeit, Sex und Gewalt, das schon Rammstein Skandale und Schlagzeilen brachte. Die Fans werden es lieben. Die Gegner hassen.
Sehnsucht nach der Welt der Seelenlosen
Wobei auch die zumindest einen Blick riskieren sollten. Während sich Rammstein in Videos und auf der Bühne mit Blitz und Donner in Szene setzt, ließ sich Hof für «Messer» andere Bilder einfallen: Der kahle Lindemann, fahl, in einem weißen Einteiler, umringt von Schaufensterpuppen – ein Mensch inmitten von Klonen, ein Individuum unter lauter Kopien. Einer, der sich nach der Welt der Seelenlosen sehnt.
Ihr Versprechen: Harmonie und Ruhe statt Schmerz und Qualen. Ob es auch eingelöst wird? Statt dem Holzhammer setzt das Duo Hof/Lindemann hier das Skalpell an. Was drunter ist, will keiner zu genau wissen.
Till Lindemann: Messer. Gedichte Herausgegeben von Gert Hof. Mit Fotos von Jens Rötzsch und Gert Hof. ISBN3-8218-0927-2, Eichborn Verlag, 29,90 Euro
© 2005 Sue Lindemann
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