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Till interview - Messer 02-Dec-02

von Jochen Förster
Schädelkraut
Gespür fürs Altdeutsche: Rammstein-Frontmann Till Lindemann gibt den Dichter
Wenn das Wummern wegfällt, das Hämmern der Membran und das rollende «R» im Flammenmeer, dann atmet das Ohr und gibt den Text frei. Solche Freiheit kann ansteckend wirken. Till Lindemann entledigt seine dunkle Dichtkunst von aller Dröhnung.

Wendungen wie «in mein Herzen» und «an Dir schlafen», Worte wie Tölenfraß, Hodenfett, Schädelkraut oder Staubgebein schmecken auf einmal nach Poesie, man liest und lechzt nach Sprachneuflutung.

Till Lindemann, besser bekannt als Sänger und Texter der Berliner Deutsch-Metal-Band Rammstein, hat ein Buch geschrieben, das genau so funktioniert. Es ist ein Band voller düsterer, in ihrer Sprachkraft durchaus ausgefallener Gedichte. Das mag manchen überraschen, der den «Rammstein-Slogan»-Wettbewerb der letzten Jahre noch im Ohr hat, die «Haudruffband», die «Brachialkrawallos», das «forcierte Hunnentum». Während die anderen Band-Mitglieder den Geist des Fun-Punk der Ex-DDR einbrachten und mit krachiger Symbolik lustig viel «Ärger machen» wollten, war Lindemann, der Bullige, zugleich der Ernste, Nachdenkliche, leicht Griesgrämige, Opern hörende. Auf den Fotos zu «Messer» zeigt er sich bleich geschminkt unter Schaufensterpuppen

Der Lindemann aller Tage bestätigt das Bild. Boxergesicht, Bauernpranken, in seinen Augen schimmert's weich. Er habe «kein so großes Mitteilungsbedürfnis», sagt er; sein Freund und Förderer Gert Hof schreibt im hochnotpathetischen Vorwort, mit Lindemann könne man schweigen. Man ahnt schnell, dass das stimmt. Lindemann, 39, gelernter Bautischler mit «Zusatzqualifizierung» als Korbflechter, hasst Interviews, weil sie gestanzt sind; gleiche Fragen, blöde Journalisten. In seinem Fall ist das gut zu verstehen. Selbst als Rammstein von David Lynch filmmusikalisch geadelt wurde, hielt das mediale Ins-Eck-Stellen, der rechte Generalverdacht an. Rammstein, das war, was Hertha-BSC-Fans auf der Zugfahrt hören. Mehr war dazu nicht zu sagen.

Das Bemerkenswerte an «Messer» ist die Häutung dieses Verständnisses am nackten Text. Gewiss, Gedichte schreiben sich freier als Lyrics, brauchen nicht die Eingängigkeit der Refrains. Themen und Sprachfeld aber sind dieselben. Nur: Das Martialische wird plötzlich verdaulich, erstaunliche Vielseitigkeit tritt hervor - Lindemanns Gespür fürs Altdeutsche, für eine spezifische Morbidität, die immer zu tun hat mit Sich-Spüren-Wollen. Er kultiviert, was zuletzt Fritz Lang in den «Nibelungen»-Filmen ungegeißelt unternahm. Ein bisschen frühe Kinski-Poesie ohne dessen unbedingten Fäkalwillen, etwas früher Benn, Poe und Lovecraft, aber mit dunkel-deutschem Hang zum Perversen. Darin hat Lindemann viel Talent.

Die Titel sind «Sautod», «Missfall» oder «Immunschwäche sehr positiv», die Verse, meist paar- oder stabgereimt, handeln von toten Mädchen im Wald, gefressenen Därmen, Onanieren auf Asche, Göttern auf Logenplätzen, Fischgeruch und gesteckten Zungen in allerlei «Gefräß». Viele sind bestialisch («Tot singt»), manche fast zärtlich («Nebel»), einige makaber humorvoll («Big in Japan») und alle drehen sich um Untergang. «Und wenn mir nachts die Sonne scheint, ist niemand da, der um mich weint», dichtet Lindemann. Er hat viele Einfälle für eine Sicht auf das Leben. Poetisch wertvoll ist der Dichter Lindemann vor allem als Sprachentdecker. Er sieht das auch selbst so. «Wörter demolieren und wieder zusammen setzen» sei sein Job, manchmal greift er dazu zum «Wörterbuch des Jägerlatein» und freut sich wie ein Kind, wenn er Perlen findet wie «zum Futterplatz ludern». Lindemann beackert großes, braches Wortgelände, all das, was ihm die «95 Prozent Anti-Deutschen und fünf Prozent Extrem-Deutschen» übrig lassen. Seine Sprache reizt, weil sie explizite Symbolik meidet, den Hang zum Extrem virtuos verschachtelt und, so allein auf weiter Flur, seltsam unverbraucht wirkt.

Sein Lebenssinn ganz im Gegenteil. Lindemann kostümiert das, indem er sich bei Konzerten anzündet. Oder halt schweigt. Irgendwann, als unser Gespräch auf die Liebe kommt, bricht es doch aus ihm. «Wenn wir ehrlich sind, betrügen wir uns alle. Heucheln, Lügen, Betrügen. Das ist das Leben zwischen Mann und Frau. Oder kennst Du irgendeine intakte Ehe?» Er redet sich in Rage. «Es ist alles Scheiße. Es ist wirklich alles totale Scheiße, aber man muss versuchen, sich irgendwie durchzumogeln. Das ist mein Credo. Mehr kann ich dazu nicht sagen.» Die Klaviatur solcher Novembergruselglücksvorstellung kann man nachlesen. Wem das zuviel ist (oder zuwenig), dem mag das Schluss-Poem reichen. «Das Leben birgt auch gute Stunden / hab Fischaugen am Strand gefunden / werd sie auf meine Augen nähen / kann dich dann unter Wasser sehen / und all die bunten Wasserschlangen / aus deinem schönen Schädel fangen». Dreimal geraten, wie es heißt: «Glück».

© 2005 Sue Lindemann

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