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Till interview - Focus 02-Dec-02

Rammstein-Sänger Till Lindemann über Seelenqualen, bezahlbare Anarchie und Roland Kaiser
FOCUS: Herr Lindemann, ähnlich wie die Rammstein-Texte jagen einem die morbiden Reime Ihres jüngst veröffentlichten Buches „Messer" einen Schauer über den Rücken. Es geht um Sterben, Tod, Nekrophilie, Inzest und Seelenqualen. Sind Sie ein schwermütiger Mensch?
Lindemann: Das große Leiden war schon immer ein Thema, das sich durch die Literatur gezogen hat. Möglicherweise bin ich zu sensibel für das Leben und muss mir deshalb einiges von der Seele schreiben. Als ich mir gestern Abend einige meiner Gedichte durchgelesen habe, bin ich leicht und beschwingt zu Bett gegangen.

FOCUS: Kein kalkuliertes Spiel mit dem Tabubruch?
Lindemann: Seit der Erfindung von Videospielen, Hollywood-Entertainment und Boulevard-Fernsehen gibt es keine Tabus mehr. Je extremer eine Sache ist, desto besser lässt sie sich verkaufen.

FOCUS: Gilt das auch für Rammstein?
Lindemann: Rammstein ist ein Werk von sechs Personen, das mit Management, Plattenfirma usw. einen kleinen Konzern bildet. Ich ziehe zwischen mir und der Band eine klare Trennungslinie. Mein Buch ist ein Soloprojekt, das nicht denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

FOCUS: Hört sich fast so an, als würde es Sie belasten, wenn Ihre Lyrik mit der Band assoziiert wird.
Lindemann: Nein. Aber mir geht es so ähnlich wie dem Sohn eines berühmten Schauspielers, der selbst auf die Bühne will und über den jeder sagt: „Der hat es ja leicht."

FOCUS: Sie sind allein erziehender Vater. Wie fand Ihre Tochter Nele denn die Verse, von denen einige auch von ihr handeln?
Lindemann: Ich konnte hören, wie sie die Gedichte mit ihrer Freundin kommentierte: „iih, das ist ja eklig." Oder auch: „Papa, was ist denn mit dir los?" (lacht) Sie kennt halt meine ironische Seite.

FOCUS: Haben Sie denn eine?
Lindemann: Natürlich, das glaubt mir nur keiner.

FOCUS: Ein Kritiker schrieb: „Lindemann muss einfach nur seinen Mund aufmachen, und das Publikum bekommt automatisch Angst." Falsch?
Lindemann: Ich war ja mittlerweile beim Zahnarzt. Scherz beiseite: Wie ich mich auf der Bühne gebe, ist Schauspiel, Theater. Sobald die Show vorbei ist, reiße ich wieder Witze. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich derart verändern konnte. Ich könnte aber nie mit meinen Gedichten auf Lesereise gehen und vor 100 Menschen lesen. Dazu bin ich viel zu schüchtern.

FOCUS: Wie kamen Sie auf den Titel „Herzeleid" für Ihre erste Rammstein-platte? Eine Anleihe aus den deutschen Heldensagen - Parsifals Mutter hieß Herzeleide ...
Lindemann: „Bewahret einander vor Herzeleid" ist ein alter Spruch, den man auf Stickarbeiten oder in Eichenrinde geschnitzt findet.

FOCUS: Ihr Hit „Sonne", konnte man lesen, sei inspiriert vom so genannten zweiten Tanzlied aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra". Dort wird auch jede Verszeile angezählt...
Lindemann: Um Gottes willen, nein! Die Auslegung unserer Texte ist oft phantastisch. Viele Fans hegen sehr hohe Erwartungen und sind dann enttäuscht, wenn wir uns nicht viel dabei gedacht haben. „Sonne" war einfach eine Ein marschhymne für Vitali Klitschko.

FOCUS: Auf der Bühne wirken Sie sehr exaltiert. Führen Sie ein exzessives Leben?
Lindemann: Nein, ich lebe eher maßvoll. Ich will mit 50 mit meinen Enkelkindern an den See fahren, deshalb muss ich auf meine Gesundheit achten. Wenn ich von einer Tour nach Hause komme, merke ich, wie die Herzklappen klingeln. Zur Entspannung gehe ich mit Freunden Free Jazz hören oder lege Roland Kaiser auf.

FOCUS: Wie bitte?
Lindemann: Ja. Besonders gern höre ich „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben" oder „Manchmal möchte ich schon mit dir". Textzeilen wie „Du verlierst den Mann, ich verlier den Freund" mit einem bösen Gitarrenriff und einer Industrial Sequenz wären der Hammer.

FOCUS: Apropos böse. Nach dem Massaker an der Columbine High School in Littleton, bei dem zwei Schüler Amok liefen, stand neben Marilyn Manson Rammstein am Pranger, weil die Täter Ihre Musik gehört hatten. Hat Ihnen das geschadet?
Lindemann: Da Manson Amerikaner ist, wurden hauptsächlich wir für dieses Unglück verantwortlich gemacht. Leider ging es der Presse nicht um eine inhaltliche Diskussion, sondern nur um Schlagzeilen. Dennoch hat uns das nicht geschadet, ganz im Gegenteil.

FOCUS: Sie und Ihre Band gelten ja ohnehin nicht als besonders auskunftsfreudig, besonders wenn es um das Spiel mit faschistoider Symbolik geht.
Lindemann: Ich beantworte diese Fragen nicht mehr. Genug ist genug.

FOCUS: Interessieren Sie sich für Politik?
Lindemann: Überhaupt nicht. Ich gehe auch nicht wählen, mir ist bewusst, dass das nicht gerade vorbildlich ist.

FOCUS: Was bedeutet Ihnen materieller Reichtum?
Lindemann: Ich lebe eigentlich sehr bescheiden. Ich leiste es mir ab und zu, auf dem Bürgersteig zu parken oder die Geschwindigkeit zu überschreiten. Ich gönne mir quasi Anarchie, die man bezahlen kann. (lacht) Die einzige Extravaganz, die ich mir erlauben werde, ist der Kauf des bankrotten Zwickauer Zoos gemeinsam mit meinem Freund und Herausgeber Gert Hof. Wir hoffen, den kompletten Zoo kaufen zu können, damit die Tiere nicht verteilt werden müssen.

FOCUS: Derzeit haben Sie mit „Feuer frei", dem Titelsong zu dem Action-Streifen „xXx", wieder einen Hit in den Charts. Trotzdem promoten Sie lieber Ihr Buch, als zu den MTV Music Awards zu fahren. Warum?
Lindemann: Ich könnte mir vorstellen, dass die Literatur irgendwann einmal wichtiger für mich wird als die Musik. Auf die Party hatte ich einfach keine Lust. Das ist nichts anderes als Schlüpferzeigen auf dem roten Teppich. Was soll ich dort?

© 2005 Sue Lindemann

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