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Till & Schneider - Stern

‚Wir sind mit dem Panzer losgefahren'
Till und Schneider im Interview mit der Zeitschrift 'Stern'

Florian Gless/Hannes Roß
April 2001

Mit Tabubrüchen hat Rammstein weltweit Erfolg gehabt. Jetzt, sagt die Band, ist die Zeit der Provokation vorbei.

Vorwort:
Sie singen von Kindesmissbrauch, von Inzest, von Nekrophilie. Sie zeigen in einem Video Ausschnitte aus Leni Riefenstahls körperkultigem Olympia-Film. Und wenn Sänger Till Lindemann das R rollt, röhrt es aus den Boxen wie einst aus dem Volksempfänger. Das "Wall Street Journal" stellte fest: "Woah, that's German!" Rammstein, eine deutsche Band. Eine rechte Band? Seit ihrer Gründung Anfang 1994 stehen die sechs Musiker aus Schwerin und Ost-Berlin unter dem Verdacht, Rechts-Rock zu machen.

Tatsächlich sind die Texte mit ihrer Darstellung von Sex und Gewalt oft nah an der Zensurgrenze - aber Faschismus steckt nicht einmal zwischen den Zeilen. Nun bringt Rammstein, mit rund drei Millionen verkauften Alben die international erfolgreichste deutschsprachige Band seit Kraftwerk Ende der 70er Jahre, eine neue CD auf den Markt: "Mutter" ist durch die Vorbestellungen bereits vor Erscheinen am 2. April für die Top 3 der deutschen Charts notiert Der 'Stern' sprach mit Sänger Till Lindemann und Schlagzeuger Christoph Schneider über ihre Jugend in der DDR, Rammstein als Therapie - und Provokation als Stilmittel.

Auf Ihrem neuen Album haben Sie den Titel "Links 234" mit dem Geräusch marschierender Stiefel unterlegt. Das klingt wie die Wochenschau vor 60 Jahren.

Schneider: Das Stück war der erste Versuch von Rammstein, sich künstlerisch mit dem ewigen Vorwurf auseinander zu setzen, wir seien eine rechte Band. Dass das nun gleich wieder für Diskussionen sorgt, ist schon fast lustig.

Aber Sie hätten das Marschgeräusch auch weglassen können. Wäre die Botschaft , dass Ihr Herz offenbar "links schlägt", dann nicht eindeutiger gewesen?

Till: Das ist die Absicht. Man lässt etwas marschieren und antwortet dann darauf.
Schneider: Wir hassen es, uns eindeutig auszudrücken. Bei Rammstein bleibt immer Raum für Interpretationen frei.

Das sorgt für Missverständnisse.

Till: Das war von Anfang an so. Wir sind alle in der DDR aufgewachsen, kommen aus der Punkszene. Wenn wir da auftreten wollten, mussten wir vorher vor der so genannten Einstufungskommission unser Repertoire präsentieren. Da musstest du dir natürlich ganz genau überlegen, was du sagst, was du singst und teilweise auch, wie du spielst. Jede Kritik am System war untersagt. Also musstest du versuchen, eine Schleife zu ziehen. Deshalb ist das jetzt wahrscheinlich immer noch in uns, dass wir gerne zweideutig antworten.
Schneider: Wenn man sich Texte von DDR-Bands anguckt, sieht man, wie gut die teilweise sind, wenn sie ein Thema mit lyrischen Mitteln umschreiben. Diese Vergangenheit ist mit uns eng verbunden. Davon können wir uns nicht lösen. Das war unsere Jugend. Wenn wir aus dem Westen kämen, gäbe es Rammstein nicht. Wir wären jedenfalls nicht so heftig.

Warum nicht?

Till: Was willst du machen, um dich durchzusetzen, um vor mehr als zehn Leuten zu spielen? Du fängst an, provokante Mittel zu benutzen und extrem zu sein. Da waren wir als Ostdeutsche sicherlich mutiger. Es fing damit an, dass wir diese Art von harter Musik auf Deutsch gesungen haben. Und dann hat sich auch etwas entladen, was sich in unserer DDR-Jugend angestaut hatte, da haben wir uns abreagiert. Endlich durften wir alles sagen, alles machen. Im Grunde war das doch ganz einfach: Guck rein in deinen Bauch, guck rein in deine Seele, und fang an, Musik zu machen.

Aus Ihrer anscheinend sehr dunklen Seele kamen Zeilen heraus wie: "Mein schwarzes Blut und dein weißes Fleisch/Ich werd immer geiler von deinem Gekreisch". War das mehr als platte Provokation?

Schneider: Die Provokation erschöpft sich irgendwann. Es gibt eben nur ein paar Themen, die dafür taugen. Die haben wir verbraucht.
Till: Was nutzt es, wenn du zum dritten Mal das gleiche Kinderficker-Lied schreibst?
Schneider: Wir sind damals mit dem Panzer losgefahren, ohne Rücksicht auf links oder rechts oder auf Verluste, und wir sind durchgebrochen. Man hat uns gehört. Jetzt setzen wir uns mit den Bruchstücken auseinander, die da übrig geblieben sind. Und fangen an zu begreifen, was wir eigentlich sind - eine deutsche Metal-Band. Bei dem neuen Album haben wir uns oft gefragt: Ist das überhaupt noch Rammstein? Fangen wir jetzt an, nur noch schöne Musik zu machen? Die neue Platte halte ich insofern überhaupt nicht mehr für provokativ. Das ist sicherlich schon Mainstream. Aber guter Mainstream.

Die Provokation von Rammstein geht aber nicht nur von den mehrdeutigen Texten aus, sondern auch von der Ästhetik der Band und ihrer Show. Flakscheinwerfer, die in den Himmel strahlen, rufen Bilder von den Reichsparteitagen der Nazis hervor; Lindemanns kehliger Sprechgesang erinnert mit dem gerollten R an Nazigrößen. Muss das sein?

Till: Das R kommt von allein. Wenn ich so tief und expressiv singe, flattert mein Stimmbändchen, und dann rollt es eben. Im Übrigen: Peter Maffays Stimmbändchen reagieren ähnlich, der rollt doch auch das R. Und der Lichtdom, der sieht doch gut aus, oder? Um mehr geht es doch gar nicht. Nur weil man das assoziiert mit diesen zwölf beschissenen Jahren, soll das nicht mehr erlaubt sein? Dann reißt doch das Olympiastadion nieder und all die anderen Nazibauwerke in Berlin! Das sind zwölf Jahre, die dieser Idiot namens Hitler und immer wieder kommt man darauf zurück. Es geht doch um Kunst. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Schneider: Diese Diskussion zeigt doch, dass es offenbar keine Vergangenheitsbewältigung in der Gesellschaft gibt. Du kannst doch sagen: Okay, da ist der Lichtdom, den finde ich gut, und da ist der Reichsparteitag, den finde ich Scheiße. Das kann man doch trennen, jeder für sich. Nur so findet man den Weg zur eigenen Geschichte. Ich darf nicht immer denken, ach, es ist ja alles so belastet, da darf ich nicht drüber reden, und die anderen könnten denken... Nein, offene Auseinandersetzung! Die Aufgabe von Rammstein ist auch die Suche nach einer eigenständigen Musik, einer deutschen Musik. Da stoßen wir natürlich auf unsere Geschichte und bekommen all diese Anschuldigungen. Aber ich sehe das eher positiv: Wir versuchen eine eigene Identität zu finden, was viele Musiker oder Künstler in Deutschland längst aufgegeben haben.

Dazu gehört dann auch, dass Sie auf der Bühne keinerlei Emotion zeigen und Lindemann sich mit dem Mikrofon den Schädel blutig schlägt?

Till: Auf der Bühne sind wir auf dem Gewissen hat, Schauspieler, das ist Show. Da merkst du den Schmerz nicht, wenn du jeden Abend wieder auf die gleiche Stelle am Kopf schlägst. Schneider hat schon mal eine kaputte Neonröhre in die Schulter bekommen. Paul, unserem Gitarristen, hab ich jetzt in Australien das Ohr verbrannt.
Schneider: Es ist wohl so: Rammstein ist für uns wie eine Selbsthilfegruppe. Wie eine Therapie.

Wann haben Sie zum ersten Mal etwas über die Zeit des Nationalsozialismus erfahren?

Till: Wir sind mit Auschwitz groß geworden. Bei uns war das Alltag: Gruppenreisen mit der Schule zu den Lagern, Buchenwald sehen, Blumen hinlegen an Denkmälern, den KZ-Marsch mitmachen durch Mecklenburg, nach Güstrow entlang der Landstraße. Da stehen an jeder Ecke solche Denkmäler.
Schneider: In der DDR war der Staatsbürgerkunde- und Geschichtsunterricht stark antifaschistisch gefärbt. Alles außer dem Kommunismus war böse: Faschismus, Westdeutschland, Kapitalismus. Das waren alles Tabus. Ich denke, deswegen haben wir jetzt auch diesen ausgeprägten Rechtsextremismus im Osten: Es geht mir Scheiße, und ich will auf mich aufmerksam machen. Also bediene ich mich des Bösesten, was ich kenne - und werde zum Neonazi.

Warum beteiligen Sie sich nicht an Konzerten wie "Rock gegen rechte Gewalt"?

Schneider: Vor diesen Karren wollen wir uns nicht spannen lassen. Das wäre lächerlich. Dann heißt es, wir benutzten das nur, um noch populärer zu werden. Außerdem: Was bringt das? Die Rechten sind da. Die sind Teil unserer Bevölkerung. Wir müssen dieses Problem annehmen und endlich akzeptieren, dass es diese Tendenzen in Deutschland gibt. Es hilft doch nichts, die Rechten immer auszugrenzen. Wir müssen mit denen reden, deren Probleme lösen.

Rammstein erreicht die rechte Szene.

Till: Wir erreichen viele, auch den Werber in Hamburg. Und was die Rechten angeht: Für mich geht der Staat zu weichwurstig mit dem Problem um. Du haust einen Schwarzen halbtot, und zur Strafe gibt es Aufbaustunden. Wir haben uns schon vor der Wende in Schwerin immer mit den Skins geprügelt - warum greift man heute nicht härter durch? Ich bin mit einem Mädchen aufgewachsen, die ist Mulattin. Die kommt immer noch jeden Sommer nach Mecklenburg zu Besuch. Die hat Angst vor den Leuten und traut sich nicht anbestimmte Plätze. Dafür schäme ich mich einfach.

Dennoch spielen Sie mit einem Deutschlandbild, das bestimmte Erinnerungen wachruft.

Schneider: Rammstein ist kein Konzept. Wir haben uns zusammengefunden, um diese Musik und diese Show zu machen, und dabei arbeiten wir wie eine Selbsthilfegruppe. Wir machen das, was wir gut finden, mehr nicht. Vielleicht halten uns unsere Fans auch deshalb für authentisch. Nach dem Motto: Rammstein machen ihr Ding und sind nicht so wie die anderen. Das erklärt womöglich auch unseren Erfolg in den USA. Aber mit dem bekommen dann unsere Kritiker wieder ein Problem: Die fürchten, dass die amerikanischen Kids mit Deutschland nichts anderes verbinden als Rammstein. Dabei stehen die Amerikaner wirklich nur auf unsere künstlerischen Fähigkeiten. Das wird politisch überbewertet
Till: Man fragt doch bei Ricky Martin auch nicht, welche politische Einstellung er hat. Man hört sich ein Lied an, findet es gut oder schlecht. Das ist alles

© 2005 Sue Lindemann

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