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Sonic Seducer - Till Interview Jan-03 issue
Der Gigolo des charme morbide oder Keine Melodien
von Thomas Clausen
Messer by Till Lindemann
Thema: Gedichtband 'Messer' von Till Lindemann
Till Lindemann spricht nicht gerne. Was er zu sagen hat, das teilt der Leipziger Wahl-Berliner seit 1995 durch die Texte seiner Band Rammstein der inzwischen global aufhorchenden Musikwelt in seiner ganz eigenen Metaphorik mit. Erklärungen gab es fast nie; Mißverständnisse und Fehlinterpretationen dagegen am laufenden Meter. Kürzlich wurde sein erster Gedichtband "Messer" veröffentlicht. Jetzt muß gesprochen werden. Klartext mit Till Lindemann. Wohl nur wenige einheimische Bands der populären Musik sind in ähnlichem Maße mißinterpretiert, falsch verstanden oder einfach nur verunglimpft worden wie Rammstein, die schon mit ihrem ersten Album "Herzeleid" mehr oder weniger gewollt zum typisch deutschen Sorgenkind aus vermeintlich gewaltverherrlichenden, Leni Riefenstahl-ästhetik meets Bodybuildingstudio-Holzhammer-Charme unterstützten Teutonen-Lyrics morbidester Couleur und internationalem Megarockstardom avancierten. Einer der Hauptverantwortlichen: Frontmann und Texter Till Lindemann, der nun in "Messer" Einblick in gesammelte Gedichte aus gut zwei Jahrzehnten gewährt und der heute nach langen Jahren der Zurückhaltung Blättern wie Der Spiegel, Fokus, Welt am Sonntag, TAZ und ähnlichen Rede und Antwort steht. Flucht ins Feuilleton oder das tatsächliche Ende des Kalten (Informations)Krieges? Lindemann, der ewig Mißverstandene.
"Keines von beidem. Fakt ist, daß ich sehr selten und auch sehr ungern Interviews zu meinem Schaffen gebe. In der Vergangenheit sind dermaßen viele Dinge überbewertet worden, daß ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, mich noch großartig zu äußern. Doch diesmal gibt es leider keine fünf Kollegen, die mich an dieser Stelle vertreten könnten. Es ist zwar nicht so, daß ich mich heute noch über irgendwelche Gerüchte, Halbwahrheiten und merkwürdige Deutungen ärgern würde, doch ich muß nicht auch noch aktiv zu deren Entstehen beitragen. Im Fall von Rammstein gibt uns der Erfolg recht und macht uns über irgendwelche blödsinnigen Vorwürfe erhaben. Es gibt diese typisch deutsche Wadenbeißermentalität, jedem ans Bein pinkeln zu wollen. Wir belächeln dies mittlerweile ruhigen Gewissens. Sicher mache ich mich mit "Messer" wieder auf eine gewisse Weise angreifbar. Falls die Medien auch diesmal nicht in der Lage sind, meine Äußerungen im eigentlichen Kontext wiederzugeben, wird es in Zukunft wohl über- haupt keine Statements mehr von mir geben."
Deutliche Worte. Um so freier sollte man jedoch mit den Gedichten in "Messer" umgehen, die nach grober Rammstein-Machart auf ureigenste Weise Lindemanns gern und oft mißverstandenes Faible für ebenso explizite wie metaphorische Darstellungen der Urtriebe Gewalt, Sex und Tod Ausdruck verleihen und somit den Jahrtausende alten Motor der menschlichen Entwicklung zwischen plüschig-rosa Prosa und derbstem Gossen-expressionismus in all seiner Bandbreite widerspiegeln.
Lindemann, der Vielseitige. Genau betrachtet eine mithin ziemlich ungewöhnliche Karriere, die 1979 im damaligen Arbeiter- und Bauernstaat als Schweriner Schriftstellersohn mit der Lehre zum Bautischler begann und sich mit den Jahren über die innungsgemäßen Schnittstellen Zimmermann und Korbmacher definierte. Spätere Arbeiten als Galerietechniker, Schlagzeuger der Punkband First Arsch und letztlich textliches wie visuelles Aushän-geschild Rammsteins hinterließen ihre Spuren. Heute: Till Lindemann 2003 - Kunstfigur oder multifunktionale Personalunion aus Musiker, Texter, Lyriker, Entertainer, Rockstar, Künstler?
...Ich hacke meine Brust aus Spaß,
es regnet und mein Herz wird naß
öffne meine dicken Venen, und schenk dir
Sträuße roter Tränen... ("Nebel")
"Kunstfigur auf keinen Fall. Grundsätzlich sehe ich mich als Texter, der im Moment die ersten Gehversuche als Lyriker macht. Das ganze Buch ist eine Art Rückblick; ein Abschluß, eine Werkschau. Vergleichbar mit dem Dasein einer Band, die nach 20 Songs zu dem Entschluß kommt, das Ganze auf einem Album zu verewigen. Der Herausgeber Gerd Hof und ich haben aus mehr als 1000 Gedichten aus gut 15 Jahren eine Auswahl getroffen, was wir in ‚Messer' veröffentlichen wollten. Wie wohl jeder Künstler werde ich in entscheidendem Maße von meiner Umwelt und meinen Erlebnissen inspiriert. In gewisser Hinsicht stellen die Texte gleichermaßen eine Abrechnung mit mir selbst, Rache an mir selbst und auch eine Aufarbeitung meiner selbst dar. Egal, ob dies von Träumen, Alptraumen, Filmen, Büchern und nur einem Spaziergang hervorgerufen wird. Eigentlich bin ich rund um die Uhr ein empfängliches Medium, das seinen Notizblock meistens in greifbarer Nähe hat. Meine Art von Texten entsteht fast ausschließlich unterbewußt. Wenn ich mich mit dem Gedanken hinsetze, etwas Positives zu schreiben, kommt am Ende dennoch etwas Düsteres dabei heraus, weil es eine Art automatischen negativen Fluß in mir zu geben scheint."
Der in finaler Textform freilich nicht ohne den nötigen, augenzwinkernden und gerne vernachlässigten Abstand zu genießen ist und bei eingehender Betrachtung selbst gewisse (zwar dunkel)-humoreske Schnittmengen mit 60er Jahre Comedy-lkone Heinz Erhardt nicht verneinen will. "Herzeleid" ohne Noten? Lindemann spielt keine Melodien. Aber er lacht nickend. Und Vokale werden diesmal nicht gerrrrrollt.
...Ich habe ein Gewehr, ich habe es geladen
ein Knall, du hast kein Köpfchen mehr
das seh ich durch die Schwaden..."
("Absicht?")
"Das ist in der Tat eine sehr gute Umschreibung. Sicher sind die Texte oberflächlich geprägt von Gewalt und jeder Art von Provokation. Doch beim näheren Lesen offenbart sich auch ein latenter, fast comic-hafter Witz, der von den meisten Menschen nicht wahrgenommen wird. Zwar entstehen die Texte beinahe ausschließlich unterbewußt aus einem Wort, einer vagen Idee oder einer Geschichte, doch irgendwo lasse ich mir dann immer noch eine Art Hintertürchen offen, so daß man meistens immer noch irgendwie über die Texte schmunzeln kann. Am deutlichsten ist dies sicher am Gedicht ,Big In Japan' zu merken, das ich nach meinem Besuch einer Nachtbar in Tokio geschrieben habe. Es gab dort einen Künstler, der sich wirklich enorme Gewichte an seinen Schwanz hängte. Bekanntlich sind Japaner nicht allzu gut von der Natur bestückt, doch das Ganze wurde so groß aufge-zogen, daß die Persiflage in Anlehnung an den Alphaville-Song einfach zwingend war. Es gibt doch nichts befriedigenderes und interessanteres für einen Künstler, als Reibung zu schaffen, zu polarisieren und die vielen unterschiedlichen Reaktionen zu beobachten. Im Falle von ‚Messer' geht dies von Angst über Betroffenheit bis hin zu echtem Vergnügen. Sicher frage ich mich auch von Zeit zu Zeit: Was habe ich da eigentlich für ein Monster erschaffen? Aber andererseits kichert man auch dann und wann still in sich hinein und freut sich über sein kleines, schmutziges, schwarzes Etwas."
Also doch mutwillige Provokation in Tateinheit mit fahrlässig heraufbeschworener Mißinterpretation als Stilmittel zum vorsätzlichen Tabubruch? Nicht nur im Refrain der Debüt-Single "Wollt Ihr das Bett in Flammen sehen" wurde seinerzeit der Name Rammstein mehr als Schlachtruf denn als elementarer Kontext-Baustein verwendet. Till Lindemann: Bundes-Bürgerschreck. Enfant terrible. Gigolo der morbiden Erotik.
...Ihre Glieder bald blaßblau,
doch atmet scheu der Sonnenschein
solang die schweren Hüften lau, könnt ich
auch lieben ihr Gebein. ("Tänzerin")
"Wir/ich lege es zwar nicht darauf an, um jeden Preis mißverstanden zu werden, doch es ist andererseits immer wieder sehr spaßig, zu beobachten, wie man sich hierzulande wieder aufregt und welche Wellen diese Band schlägt. Ansonsten ist das Werkzeug der Provokation heute nicht mehr so interessant für uns wie noch zu Zeiten nach der Maueröffnung. Damals kam es fast nur darauf an, so böse, provokant und plakativ wie möglich zu sein; einfach etwas Neues und Abgefahrenes in deutscher Sprache zu machen. Heute geht es um andere Dinge, die Kunst und das Gesamtergebnis stehen für uns an erster Stelle. Andererseits liegt es mir nicht, meine Texte großartig zu interpretieren und Inhalten eine gewisse Richtung zu geben. Es ist doch viel spannender für alle, wenn sich die Leute selbst ihre Gedanken zu Kunst wie Bildern, Texten oder Skulpturen machen können und nicht durch den Künstler aufgeklärt werden. Ich habe festgestellt, daß viele Leute im Nachhinein von der wirklichen Bedeutung meiner Lyrics enttäuscht waren, da sie sich schon ihr eigenes Bild gemacht hatten und meine letztendliche Erklärung scheinbar weitaus unspektakulärer als die Phantasie gewesen sein muß. Manche Dinge sollten lieber ungesagt bleiben..."
Eine bedeutende Rolle in "Messer" spielen die eigens angefertigten Fotos, die Lindemann in ungewohnter Pose inmitten einer ganzen Armee von unbekleideten Schaufensterpuppen als androgynen Außenseiter zeigen - vermeintlich fernab des selbst gewählten, oberflächlichen Düster-Macho-lmage vom muskelbepacktem Pyromanen auf der Pirsch nach weiblicher Beute.
"Die Interpretation ist im Zusammenhang Gedicht/Foto und umgekehrt völlig frei. Es ist ein sehr interessantes Experiment, zu schauen, wie sich die Sichtweise auf die Gedichte mit Hilfe der Fotos verändert, welche verschiedenen Variationen möglich sind. Es gibt keine direkte Korrespondenz zwischen beiden Kunstformen, aber wenn man will kommt ein kleiner Dialog zustande. Sicher zeigen die Bilder mich von einer anderen Seite, die man vielleicht bisher von mir nicht kannte...",
die aber bei näherer Betrachtungsweise genau das Individuum preisgeben, welches in seinem Kern den wahren Protagonisten in Lindemanns Schaffen ausmacht: Den verletzlichen, nach Zuneigung und Geborgenheit heischenden Sonderling, den aus-gestoßenen Freak, den sensiblen Liebes-Töter auf der Suche nach Erfüllung - Rollenbeschreibungen gibt es viele in seinem ganz eigenen Persön-lichkeitsraster, potentielle Missverständnisse immer inklusive.
© 2005 Sue Lindemann
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