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Schwerin Online – Messer Review 02-Jan-03
Eine „Poesie ohne Rückkehr“
Rammstein-Sänger Till Lindemann veröffentlicht Lyrikband und gibt damit erstmals eher Privates an die Öffentlichkeit
Nebel zieht auf, das Wetter schlägt um. Der Mond versammelt Wolken im Kreis. Das Eis auf dem See hat Risse und reibt sich. Komm über den See. – Dieses Gedicht heißt „Anziehung“ und ist von Sarah Kirsch.
In der Tat kann man sich der dunklen Aufforderung dieser Botschaft kaum entziehen, auch wenn man weiß, dass dieser Sirenenruf geradezu ins Verderben führt. Ähnlich verhält es sich mit Gedichten von Till Lindemann, Sänger und Liedtexter der Rockband Rammstein. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr. Einige Gedichte seines ersten Lyrikbandes „Messer“ verweisen auf die elegischen Einflüsse einer Landschaft, die lange vor ihm auch von Sarah Kirsch besungen wurde. Und es ist auch kein Geheimnis mehr, dass der 39-jährige Sohn des Kinderbuchautors und Dichters Werner Lindemann ist – ihm hat der Sohn seine ersten veröffentlichten Gedichte gewidmet. Der Hinweis auf die eigenen Wurzeln kommt überraschend. Der in Rostock und bei Schwerin aufgewachsene Lindemann äußerte sich während seiner Rammstein-Karriere im Gegensatz zu anderen Bandmitgliedern wenig oder gar nicht zu seinen Texten. Das schließt auf persönliche Bescheidenheit wie Gleichgültigkeit gegenüber den endlosen Kritiken, die Rammstein-Texte wären kitschig oder sexistisch.
Es war die zumeist gutbürgerliche Presse, die besondere Freude daran fand, die Musiker aus Berlin und Schwerin zu verreißen. Von Nazi-Pathos war da die Rede, von Teutonen-Rockern und Kinderfickern, gar von einer „PDS des Ostens“, womit es raus war: das Böse kommt immer aus dem Osten. Vielleicht wäre die Kritik an der Band Rammstein und speziell an ihren Liedtexten milder ausgefallen, hätte Lindemann sich über sie erklärt. Doch wer mit Tabus spielt, ist immer noch der Buhmann, und die Erklärung einer entsprechenden künstlerischen Absicht kommt einem Schuldbekenntnis gleich – hierzulande.
Die Kritiken sind verstummt, seit Rammstein und Lindemanns Texte in aller Welt gehört werden. Vielleicht auch, weil man sich an die Tautologien der Band gewöhnt hat, an dieses „einzig und allein“, was schon in der Betitelung der Alben zum Ausdruck kam: Herzeleid, Sehnsucht, Mutter.
Die Wirkung der Gedichte von „Messer“ fasste Lindemann jüngst in einem Radio-Interview mit einem Wort zusammen: Romantik. Gert Hof – langjähriger Freund des Sängers und erfolgreicher Pyrotechniker vieler Rammstein-Shows – nennt diese zwischen 1995 und 2002 geschriebenen Gedichte „lyrische Abrechnung“, „poetischer Suizid“ – eine „Poesie ohne Rückkehr.“ Lindemanns Lyrik macht betroffen, weil sie schonungslos offen ist.
Die Gedichte sind durch eine Fotoperformance ergänzt, in der sich die Kunstfigur Lindemann, umgeben von Schaufensterpuppen, selbst in eine Puppe verwandelt.
Die Fotos von Jens Rötzsch erinnern an das Projekt „Body Art“ des Fotografen Holger Trülzsch mit dem Model Vera von Lehndorff. Ve-ruschka verwandelte sich in eine moosbewachsene Statue oder in einen Stein – Transformationen, über die Susan Sontag schrieb, es wären Bilder der Melancholie, die den Wunsch des Verschwindens, des Einswerdens mit den Objekten sublimieren. Lindemann setzt sich in den Bildern über die Melancholie, die viele seiner Texte ausmacht, hinweg und stellt die Groteske, die Tragikomik, das Absurde und das Provokante in den Vordergrund.
© 2005 Sue Lindemann
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