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Rammstein:Muttertag – ‘Live in Concert’
May 2001 - From ”Live in Concert”
Bei Rammstein denkt man zunächst an handfeste Skandale, danach an schwarzromantisches Geraune und feist produzierten lndustrial-Metal. Anfang April kam Deutschlands derzeit erfolgreichster Rock-Export endlich mit wohlgenährtem Nachwuchs um die Ecke. Die Berliner outen sich auf ihrem dritten Wurf überaschend offen als zur Ironie fähige Übertreibungskünstler. Live In Concert sprach mit Gitarrero Paul Landers über das neue Werk.
Live In Concert: Paul, ihr habt euch wahrlich Zeit gelassen mit ,,Mutter’'. Was waren die Gründe für die drei Jahre Sendepause?
Paul Landers: Das Hauptproblem bestand darin, dass ,,Sehnsucht" in anderen Teilen der Welt erst mit erheblicher Verzögerung richtig durchstartete und wir demnach das gesamte Jahr 1999 damit zubrachten, von Kanada bis Australien Konzerte zu geben. Die Songs waren veraltet, die Show war veraltet - das war’ne ziemlich harte Zeit. Wobei ich keinesfalls verhehlen will, dass es ein klasse Gefühl ist, in dieser Liga mitzumischen. Du gehst in Tulsa, Arizona - was ungefähr das US-Pendant zu Neubrandenburg ist - in'nen kleinen Plattenladen, und da gibt's tatsächlich ein Rammstein-Fach! Direkt hinter den Ramones!
Geratet ihr euch bei all dem Stress denn auch manchmal in die Haare? lhr geltet ja als geradezu demokratische Band.
Demokratie ist das falsche Wort. Wie sind 'ne Rotte. Ein Rudel, wo sich die, die am lautesten bellen, am Ende durchsetzen. Das ist bloß Tarnung. (lacht) Bei uns gibt's immer Gestreite und Gequatsche. Aber es hat sich gelohnt: lch glaube, diese Platte ist richtig gut.
Im Titelsong könnte man einen Abstecher ins Gesellschaftskritische erkennen. Im Zusammenhang mit dem Artwork scheint er mit der Diskussion zum Thema Kloning und Genmanipulation zu spielen…….
Na, wenn du meinst. Ich persönlich bezweifle allerdings, dass Till damit handfest Wissenschaftskritik verbindet. Wir planen zurzeit einen Remix der von'ner Roboter-Stimme gesungen wird. Das wäre ein wirklich faszinierendes Bild: Ein Android rennt durch die Stadt und sucht seine Mutter, die es aber nicht gibt, weil seine Entwickler diesen Fall nicht einkalkuliert haben. Sollte künstliche Intelligenz jemals Gefühle einschließen, haben wir ein Problem.
Zudem gebt ihr euch ironischer denn je. In ,, Spieluhr’' etwa heißt es provokant: ,,Ein kleiner Mensch stirbt’’ um Sekunden später ein süffisant-augen-zwinkerndes ,,...nur zum Schein!” nachzusheiben.
(lacht) Dazu möchte ich anmerken, dass leute oft Sachen, die wir selbst durchaus ernst meinen, ironisch verstehen. Und umgekehrt. Wir haben's uns inzwischen wirklich abgewöhnt, uns da im Voraus festzulegen. Nimm den ,,Seemann” - für uns war das purer Spaß. Zum Totlachen. Erst durch die Reaktionen der Umwelt ist daraus am Ende dann tatsächlich Ernst geworden.
Fallen dir überhaupt noch Tabus ein, die ihr in Zukunft brechen könntet?
Wir haben diese sogenannten Skandale ja niemals um ihrer selbst willen inszeniert. Ist es nicht auch eine der Aufgaben einer Rockband, Ärger zu produzieren? Allerdings lässt sich so etwas ganz schlecht künstlich planen - du musst wirklich Spaß daran haben, sonst nimmt dir keiner deine Rolle ab. Aber du hast durchaus Recht: Die Luft wird in der Tat immer dünner.
Wenn du dir eure musik als Bild vorstellen solltest - hätte dieses was Militärisches?
Naja, Deutsches ist, glaub'ich, von Hause aus leicht düster und militärisch. So wie amerika- nische Musik eben immer diesen Soul-Touch hat. Es gibt da dieses Foto: En Arbeiter mit eingeöltem Oberkörper und in schwarzer Hose steht mit einem riesigen Schraubenschlüsel an einem Flansch mit ganz vielen, zu kleinen Muttern. So ist Rammstein. Vielleicht.
Das Cover-Artwork zeigt – neben einem Fötus im Mutterlieb - euch selbt als in Formalin konservierte Leichen. Könnte das Publikum diesmal live das Element Wasser erwarten?
Wir sind noch dabei, zu experimentieren. Gerade Wasser ist im Bühnenbereich sehr problematisch. In Verbindung mit Strom kann das schnell zum Himmelfahrtskommando werden. Unsere Show-Konzeption war schon immer ein spontanes Spiel, bei dem im Prinzip alles erlaubt ist. Was wir allerdings noch nie zuvor hatten, war die Situation, bis kurz vor Beginn einer Tournee nicht zu wissen, was läuft. Spannend! Interview: Patrick Großmann.
© 2005 Sue Lindemann
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