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Paul & Schneider Interview – Metal Hammer (Germany)
Grenzerfahrungen
Metal Hammer – February 2002
Thanks to rammtina for the article
Rammstein sind ohne Zweifel die zur Zeit grösste deutsche Rock-Band und der grösste Exportschlager in Sachen harter Musik. 2001 war das Jahr der Berliner: Veröffentlichung des 3. Albums MUTTER, US-, Deutschland-, Europa-Tour und die Publikation des Rammstein-Buches von Gert Hof. Beim Freiburger Konzert im Dezember gab es eine Menge mit Gitarrist Paul Landers und Schlagzeuger Christoph Schneider zu besprechen.
Die intensive Tour, die euch durch die USA, Australien und Japan bis nach Russland und im Anschluss daran durch ganz Europa führte, neigt sich dem Ende zu. Wie habt ihr sie verkraftet?
Schneider: Wir waren zweimal in Amerika, und eine der beiden Touren strengte uns ziemlich an. Sie war lang und wollte einfach kein Ende nehmen. Zwischendurch kamen wir dann noch einmal nach Hause, haben uns erholt und jetzt muss ich sagen, dass die Europa-Tournee sehr grossen Spass macht.
Warum liegt mit Freiburg nur ein einziges Deutschland-Konzert auf der Route?
Landers: Der Promoter wusste, dass wir auch in Deutschland spielen wollen, wenn die Tour schon daran Vorbeiführt. In Freiburg sehen die Fans aber die Europa-Version unserer Show – nicht dass, was sie gewohnt sind. Es ist eine abgespeckte Inszenierung, weil wir aufgrund der langen Distanzen nicht mit acht Trucks unterwegs sein und den kompletten Aufbau auffahren können. Betrachte es als eine Art Sonderkonzert.
Wie schwer fällt es, sich an die vielen Konzerte der diesjährigen Tournee zu erinnern?
Schneider: Ich erinnere mich immer an die Orte, wenn ich ein zweites Mal dorthin komme. Paul ist da anders: Er erinnert sich meistens an das Essen der jeweiligen Region. Bei mir sind es mehr die Menschen oder kleine Ereignisse.
Landers: Wichtig sind die Konzerte, die du nicht vergisst. Niemand schafft es, 150 Konzerte zu speichern – Das muss auch nicht sein. Wir bieten immer vollen Alarm, und selbst, wenn es in den Reihen der Band mal etwas ruhiger zugeht, merkt es das Publikum gar nicht.
Dadurch, das ihr in vielen Städten gespielt habt, bieten sich euch die besten Vergleichsmöglichkeiten was das Publikum und dessen jeweilige Reaktion angeht. Könnt ihr Unterschiede nennen?
Landers: Es gibt zwei verschiedene Ansichten. Erstens: der abendliche Auftritt. Zweitens: das Drumherum. Das Umfeld ist viel wichtiger als man denkt. Im Gegensatzur US-Tournee stellten die Shows in Europa ein reines Zuckerschlecken dar. Die Konzertreise durch Amerika kommt mir mehr vor wie eine Galeerenfahrt.
Eine Stadt gleicht der anderen, Höhepunkte sind nur die Grosstädte New York, San Francisco oder Los Angeles. Der Rest gestaltet sich fast wie ein übergrosses Neubrandenburg – eine Schnarchstadt ohne Charakter halt. Das Ganze artet dann zur Fleissarbeit aus. Die Fans sind meist so temperamentvoll wie das Klima, aber auch da gibt es Ausnahmen. In Island ist es sehr kalt, aber beim Konzert brannte die Luft. Moskau war auch der Wahnsinn – im Ostblock geht es generell immer sehr heiss her. Insgesamt muss ich aber zugeben, dass sich beim Rammstein-Publikum weltweit gewisse Charakterzüge gleichen.
Was denkt ihr in dem Moment, wenn russische oder amerikanische Fans die deutschen Texte mitgrölen?
Schneider: Das ist das Coolste überhaupt, denn genau in dieser Sekunde fühle ich mich und meine Arbeit bestätigt. Deutsch über die Landesgrenzen hinaus zu transportieren und andere Völker dazu zu animieren, in unserer Muttersprache zu singen – das ist schon ein besonderes Gefühl.
Macht ihr euch Gedanken darüber, wie die ausländischen Fans die Textzeilen interpretieren?
Landers: Ich weiss nicht, wie gut dein Englisch als Kind war – meines war miserabel. Deswegen enttäuschte es mich bitter, als ich erfuhr, was „Smoke on the Water“ wirklich bedeutet. Für mich hatte das was mit Rauchen und Zigaretten zu tun. Und genauso geht es den Leuten mit uns. Fred Durst erzöhlte, dass er bei „Sehnsucht“ immer „Chainsaw“ verstanden hatte. Bei Kraftwerk haben die Leute damals anstatt „Fahren, fahren, fahren auf der Autobahn“ „Fun, Fun, Fun“ verstanden. „Autobahn“ kannten sie ja. Es gibt schon lustige Fehl-Übersetzungen. Ein Song wie „Links 234“ ist da jedenfalls schwer zu übersetzen, aber das wissen die Fans. Entscheidend ist eigentlich nur, dass die Musik und die Texte gut zusammenpassen.
Seit ihr auf der US-Tour überall mit offenen Armen empfangen worden? Oder wurde euch mit Unverständnis begegnet, bzw. hattet ihr sogar Ärger mit den Behörden?
Schneider: Restriktionen unserer Pyro-Show gab es öfter. Auch christliche Demonstranten, die uns ähnlich wie Marilyn Manson – als Teufelswerk und Gotteslästerer beschimpften. Selbst in London stand solch ein Kundgebungswagen vor der Tür, und die Vereinigung propagierte, dass man sich nicht mit Satan – also mit uns – einlassen sollte.
Landers: Wenn wir ausserhalb Deutschlands auftreten, bestärken uns die Fans darin, weiterhin auf Deutsch Zu singen, und nicht mit der englischen Sprache anzufangen.
Ihr habt es ja aber mal mit den beiden englischen Versionen von „Engel“ und „Du hast“ versucht....
Landers: .. und sind damit kläglich gescheitert. Das lag aber nicht an den englischen Texten, sondern daran, dass die Songs auf Deutsch entstanden sind. Wenn wir ein Lied in englischer Sprache schreiben würden, das von Anfang an nicht deutsch ist, könnte das gut werden. Wir haben nichts gegen Globalisierung – zumindest nicht im Rammstein-Kontext.
Schneider: Bei „Stripped“ hat es funktioniert – es klingt ja nicht blöd, wenn Till Englisch singt, aber es muss ein guter englischer Text sein.
Landers: Wir haben Glück, dass Deutsch so eine coole Sprache für böse Musik ist. Wenn ich Engländer oder Belgier wäre, würde ich bestimmt Deutsch singen. Bei böser, harter Musik geht nichts über die deutsche Sprache. Englisch hat zu viel mit Soul, das klingt viel zu nett. Da können die ruhig einen Verzerrer einschalten oder rumbrüllen. Das führt zu dem Problem, dass vor allen Dingen Engländer mit uns haben.
Wenn die Leute dort deutsche Texte hören, stehen sie gleich stramm und denken, dass Bomben auf sie geschmissen werden. Wir mussten erst mal erklären, dass wir keinen Krieg anfangen wollen, sondern lediglich Deutsch singen. Die Engländer assoziieren mit den Deutschen nach wie vor die Bomben, die im Zweiten Weltkrieg auf London niedergingen – danach haben sie nichts mehr von uns gehört. Vielleicht fährt ab und zu ein Mercedes durch London, aber ansonsten ist das Deutsche negativ behaftet. Rammstein versuchen, das Negativ-Image der Deutschen in der Welt ins Positive umzuwandeln. Der Reichstag hatte auch ein negatives Image. Seitdem Christo ihn verhüllte, denkst du anders darüber – das ist eine neue Komponente. Auf ähnliche Weise versuchen wir mitzuteilen, dass Deutsch-Sein auch was Gutes bedeuten kann.
Seht ihr das als Herausforderung oder als lästige, anstrengen Aufgabe?
Schneider: Auch wenn das jetzt geschwollen klingen mag: Ich bin der Meinung, dass wir Aussenpolitik betreiben. Man wird uns später, nach unserem Tode noch einmal in Ehren in die Geschichtsbücher einschreiben
(alle lachen).
Landers: Wir bekommen durchweg positive Resonanzen auf unsere Band, weil die Welt es nicht gewohnt ist, dass etwas Gutes im musikalischem Bereich aus Deutschland kommt. Das passiert viel zu selten.
Schneider: In Russland lernen die Kinder mit unseren Texten Deutsch, darüber haben wir uns sehr gefreut.
In die Aufgabe des Botschafters musstet ihr demnach reinwachsen, denn ihr konntet ja zu Beginn der Band-Karriere nicht wissen, dass es solche Ausmasse annehmen wird, oder?
Landers: Nein, niemand konnte ahnen, dass wir jenseits der Landesgrenzen auch nur eine Platte verkaufen würden.
Schneider: In vielen Gegenden, wie zum Bespiel im amerikanischen Mittelwesten, haben die Menschen nichts anderes von Deutschland gehört als Rammstein. Landers: ...... BMW kennen auch noch einige ....
Was passiert nach der ausgedehnten Tour?
Schneider: Wir werden vier bis sechs Monate pausieren und in dieser Auszeit viel mit unseren Freunden und Familien unternehmen. Im Sommer 2002 sieht die Planung dann Festival-Auftritte vor – die grossen europäischen Festivals.
Landers: Dann wird Geld eingefahren. Massiv. Im Herbst folgt die Europa-Tournee und eine weitere Deutschland-Tour. Dann wollen wir uns mit frischem Wind an den nächsten Tonträger wagen. Wir hoffen, dass das Ganze etwas schneller über die Bühne geht, aber die Arbeiten an „Mutter“ und die langwierigen Live-Aktivitäten zeigten uns, dass wir mehr denn je zu einer richtigen Band zusammengewachsen sind.
Wir kommen nach Stockholm, und uns wollen 12.000 Leute sehen, das ist unfassbar. Das sind doch nur wir ...
Streitet ihr euch oft auf Tour?
Sehr oft! Nie sind wir einer Meinung, und dass behindert den Fluss in der Band. Auch die Demokratie innerhalb des Gefüges stiess inzwischen an eine Grenze, an der sie nicht mehr funktioniert. Jeder beharrt auf seinem Standpunkt.
Wer ergreift dann die Initiative?
Landers: Die Demokratie ist keiner Diktatur gewichen. In den vergangenen sieben Jahren lernten wir, so zu streiten, dass es nicht an die Substanz geht. Schneider und ich hätten uns früher fast die Kehle durchgeschnitten. Andererseits macht das Streiten müde, und die Konsequenz sieht so aus, dass sich nicht mehr jeder um alles kümmert. Bei dem Buch hielt ich mich z. B. völlig raus. In der kommenden Pause werden wir wieder Energie tanken, damit wir uns danach wieder mit Spass streiten können.
Habt ihr keine Angst davor, nach dem intensiven Zusammenleben der Band am Ende der Tour in ein tiefes schwarzes Loch zu fallen?
Schneider: Kleine Kinder und Frauen warten auf uns zu Hause. Da geht das ziemlich schnell mit der Wiedereingewöhnung....
Landers: Einmal Arsch abwischen und Windeln wechseln, dann fühlst du dich wieder zu Hause. Auf Tour hast du eine Art Königsleben, das verdirbt den Charakter. Wir kämpfen schon, dass wir nicht bekloppt werden. Ich geniesse es aber manchmal, nicht abwaschen oder den Müll runterbringen zu müssen. Das Essen wird mir oral eingeführt, ich brauche fast nicht mehr zu kauen.
Wie seid ihr auf der US-Tour mit Slipknot klargekommen?
Landers: Am Anfang hatten wir eine Menge Vorurteile und dachten, die seien doof.
Schneider: Es war sehr inspirierend. Ich kann verstehen, dass die Kids diese Band lieben.
Landers: Slipknot stehen für eine gewisse Qualität. In den Staaten sind wir auch in die Sparte der Bands gesteckt worden, die die Kids hören, die Eltern aber scheisse finden. Am Anfang fühlten wir uns wie gut situierte alte Herren und hatten ein kleines Scorpions-Syndrom. Slipknot geniessen in Amerika gerade jenen Status, den wir vor drei, vier Jahren in Deutschland innehatten. Die Band polarisiert stark und ist provokativ. Wir haben unsere provokante Phase hinter uns gebracht. Jeder weiss, wer was von Rammstein Zu erwarten hat. Ich will das Wort „solide“ nicht benutzen, aber man kann nicht sieben Jahre lang glaubhaft den Bürgerschreck spielen.
Ihr stellt selbst fest, dass die Fans sich mehr und mehr an Rammstein gewöhnen und mittlerweile Aktionen zur Tagesordnung gehören, die vor einigen Jahren noch für Aufsehen gesorgt hätten. Ist die Konsequenz, dass ihr euch und euer Tun stetig in Frage stellt, um nicht auf der Stelle zu treten?
Landers: Seitdem es uns gibt, versuchen wir, uns nicht zu wiederholen. Gerade in Deutschland sind wir auf hohem Niveau ins Show-Geschäft eingestiegen, so dass wir auch bei der letzten Deutschland-Tour Unsummen ausgeben mussten, um immer einen draufzusetzen. Das sind uns die Fans auch wert.
Schneider: Mittlerweile kommen die Leute nicht mehr so oft, sie halten einen gewissen Abstand. Wenn wir wieder auf Tour gehen, können wir uns schon mal anzünden – denn das wollen die Leute sehen.
Irgendwann ist die Show aber nicht mehr steigerungsfähig.
Schneider: Doch, vieles ist eine Frage der Ideen. Neue Wege zu gehen, neue Elemente einfliessen zu lassen ist besser als das, was man momentan macht, zu multiplizieren.
Landers: Zehn Flammen sind nicht besser als eine – das merkten wir schnell. Ein paar einfache Lampen als Bühnendekoration reichen uns für eine gute Show.
Macht es euch immer noch Spass, live aufzutreten?
Landers (lacht): Ja, das lässt sich bei 200 Konzerten im Jahr nicht vermeiden. Wir versuchen aber immer, die unlustigen Konzerte an Orte zu legen, an denen es keiner merkt.
Schneider: Ich sage mir immer, dass es eine Ehre ist, jeden Abend für so viele Menschen zu spielen. Um diesen Zustand würde ich jede andere Band beneiden.
Rammstein als Kunstform, als Phänomen, ist limitiert. Wie könnte eine logische Weiterführung der Band aussehen?
Landers: Wir wollen die Goethe-Institute auflösen und in Rammstein-Institute unbenennen.... (lacht)
Schneider: Wir sind vielleicht genau so limitiert wie Kiss. Ich will mir ja nicht selbst auf die Schulter klopfen, aber wir konnten schon eine Menge erreichen. Der Erfolg im Ausland ist meiner Meinung nach Der grösste Erfolg.
Landers:Wir machan das, was wir woollen ,,unsere”Music – nicht, weil wir uns änderten, sondern weil wir Uns nicht änderten.
Könntest ihr überhaupt noch in normale Jobs zurückkehren? Und wenn, welche würden das sein?
Schneider: Nein, denn du gehst nicht in eine Richtung, um wieder umzukehren. Man geht woanders hin.
Vielleicht werdet ihr irgendwann dazu gezwungen?
Landers: Eher hören wir auf. Wir werden nicht in unsere einst erlernten Jobs zurückkehren und bei fremden Leuten Telefone anbauen. Welchen Job ein alternder Rockstar ausübt, da denken wir nicht darüber nach. Ich weiss nur, dass ich bei keiner Plattenfirma anfangen werde. Das ist eklig. Mit musiknahen Tätigkeiten will ich nichts zu tun haben, weil ich dann immer auf Rammstein angequatscht werden würde. Vielleicht komponiere ich mit Schneider später Musik für Filme oder die Werbung...
Ihr macht euch also keine Sorgen, wenn es um Zukunftsfragen geht?
Landers: Überhaupt nicht.
Schneider: Das Leben sorgt immer für dich, du musst dir keine Sorgen machen. Die neuen Wegweiser Kommen, man muss nur die Fähigkeit erlernen, diese zu sehen.
Landers: Bis jetzt ging es uns blendend. Der Ärger fing erst an, als das Geld in Hülle und Fülle kam. Wir mussten lernen, trotz dieses riesigen Batzens, dieses Lottogewinns, unbekümmert zu bleiben. Wir haben das dann schnell sinnlos angelegt, alles vergeudet, und jetzt können wir wieder unbeschwerter sein.
Schneider: Man hat mehr Sorgen mit Geld als ohne.
Mit dem im November 2001 erschienenen Buch von Gert Hof gebt ihr erstmalig einen intimen Einblick in euer Privatleben, indem ihr euch u. a. mit Freunden und Verwandten fotografieren lassen habt. Warum?
(Stille)
Schneider: Das Buch sollte ein bisschen mehr Couleur bekommen, und da fanden wir es schöner, nicht nur Pressefotos zu verwenden. Für den ein oder anderen mag das vielleicht interessant sein, wie es bei Rammstein privat aussieht.
Landers: Aber der Anteil an Privatsphäre ist immer noch sehr gering.
Die Menschen, mit denen ihr auf den Bildern zu sehen seid, sind das die Personen, die euch am nächsten stehen?
Schneider: Schon, sind ja unsere Mütter, Frauen, Freundinnen, Kinder ...
Landers: Es sind nicht alle zu sehen, einige stehen uns noch näher, aber die kommen ins nächste Buch.
Ich sehe schon, ihr wollt nur Bücher verkaufen.
Schneider: Es war schon schwer, ein vernünftiges Konzept für ein Rammstein-Buch zu finden. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Fotos, nicht zu viel Text, ein bisschen Band-Geschichte, persönliche Gedanken – das gefällt mir.
Landers: Ich hätte ein paar Erklärungen zu den Fotos sehr gut gefunden, aber mit dieser Meinung stand ich Ziemlich allein da. Bei Oliver denkst du, was denn der für eine Freundin hat, aber dabei ist es seine Mutter. Die Band wollte die Fotos für sich stehen lassen, so dass die Fans rätseln dürfen, wer denn dort nun zu sehen ist.
Könnt ihr euch noch als spontan bezeichnen? Immerhin ist der Rammstein-Tross ein schwergewichtiges, behäbiges Monster, das auch aufgrund des Marketing-Potenzials keine falschen Schritte erlauben kann.
Schneider: Du hast schon Recht: je grösser, desto schwerfälliger. Rammstein sind ein übergrosses Flugzeug, das eine riesige Start- und Landebahn braucht. Bevor ein Rammstein-Konzert stattfinden kann, muss eine Menge vorbereitet sein. Wir können nicht einfach mit dem Bus losfahren und spielen.
Landers: Selbst, wenn wir einen Song neu ins Programm nehmen wollen, dauert das drei bis vier Shows. Wir stellen einen Antrag bei Schneider, den ignoriert er, dann zögert er erst, ändert es aber irgendwann.
Welche Fans sind euch lieber? Die, die euch wegen der Musik mögen, oder die, die nur auf das Image Rammsteins stehen? Oder seht ihr keinen Unterschied?
Landers: Wir können uns nicht aussuchen, wen wir mögen. Als Band hast du alle Fans gut zu finden. Das ist dein Job. Alles andere wäre arrogant. Die Fans dürfen sagen, wen sie in der Band gut und wen scheisse finden, wir hingegen nicht. Wir spielen für alle.
Bereitet es euch Probleme, dass ihr als Rammstein immer das Image der harten, grimmigen Männer aufrecht erhalten müsst und nicht weinen dürft?
Schneider: Wenn uns das keinen Spass mehr machte, würden wir es ändern. Das übertrieben Männliche ist ja nur ein Spiel, wir leben eine Seite aus, die zur Musik passt.
Landers: Vor Rammstein habe ich zehn Jahre lang in einer Fun Punk-Band gespielt, und das war viel anstrengender. Denn als Funpunker – das können die Die Ärzte bestätigen – musst du immer lustig sein. Die Fans kippen dir ein Bier über den Kopf, und du hast nett rüberzukommen. Bei Rammstein kann ich zu 99 Prozent sein, wie ich will. Grimmig zu sein, ist einfach, das bedarf keiner Verstellung. Selbst mit schlechter Laune fetzt das total. Kotzt mich alles an, fördert das zu hundert Prozent die Show. Ich kann das gesamte Konzert über dastehen wie der Bauer beim Schachspiel und muss nicht mit der Wimper zucken – trotzdem kommt das Konzert geil.
Schneider: Deswegen hat die Band solch einen Erfolg. Wir bringen das, was wir machen, ehrlich rüber. Ich Würde gerne mal mit den Ärzten sprechen, ob es sie nicht langsam ankotzt, immer den Lustigen zu mimen.
Die Ehrlichkeit zahlt sich eurer Meinung nach aus?
Landers: Früher haben wir es als Schwäche empfunden, dass wir im Interview so normal waren und nie am Image gebastelt haben, sondern immer das gesagt haben, was wir dachten.
Schneider: Es gab eine Phase, da waren wir den Journalisten nicht gewachsen. Als die Vorwürfe kamen, dass wir politisch rechts stehen würden, verunsicherten uns diese, und wir reagierten nicht richtig.
Landers: Da haben wir uns sogar verleugnen lassen, weil wir keine Ahnung hatten. Wir erfanden Geschichten und wussten gar nicht, wovon wir reden.
Damit habt ihr bestimmt einiges kaputt gemacht.
Schneider: Keiner wollte über Musik reden, sondern ständig wurden wir über Politik ausgefragt, das hat uns wirklich genervt.
Lässt Till sich eigentlich zu Interviews hinreissen?
Landers: Hat er noch nie, nur in seltenen Ausnahmefällen.
Schneider: Viele Leute wollen mit Till reden, weil sie sich davon viel versprechen, die Wahrheit über Rammstein zu erfahren. Eigentlich will er nicht reden, und es wäre auch gar nicht gut, weil ihm die Erfahrung dazu fehlt, denn er versucht dann immer, dienstliche Antworten zu geben.
Landers: Er besitzt nicht die nötige Routine.
Ich glaube eher,dass viele Leute Respekt oder sogar Angst vor Till haben, weil er den ungehobelten, groben Klotz verkörpert.
Schneider: Das ist gut so, das Bild lassen wir gerne so stehen. Till wird bestimmt irgendwann Interviews geben, vielleicht erst nach Rammstein, aber im Moment wollen wir ihn nicht dazu drängen.
Denkt ihr über Solo-Projekte nach?
Schneider: Ab und zu, aber dadurch, dass wir so lange zusammen sind, kann ich mir nicht vorstellen, noch einmal in einer anderen Band anzufangen.
Landers: Wenn ich andere Musik machte, wäre sie am besten, wenn alle Rammsteinler dran teilhaben würden. Du siehst es ja bei anderen Bands: Wenn die Künstler Soloplatten aufnehmen, ist das Ergebnis meistens nicht schön.
Schneider: Verbringt man sein ganzes Leben in einem Team, ist es allerdings irgendwann an der Zeit, seine eigenen Grenzerfahrungen zu machen.
© 2005 Sue Lindemann
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