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Mutter ist die beste – WOM Journal 4/2001
Gehasst, verdammt, vergöttert – Rammstein ist eine der umstrittensten Bands Deutschland. Daran wird auch das aktuelle Album MUTTER wenig ändern. Es sei denn, das Volk erhört die feinen Signale. Denn die stehen auf Veränderung.
Zum Abendbrot gibt's lecker Rammstein in Aspik. Eingelegte Musiker mit Mixed Pickles. Als solche präsentieren sich die sechs Rammsteine im Booklet ihrer neuen CD, und als marinierte Metal-Popper wollen sie ihren Fans Appetit machen auf die neuen Songs. Die alte Erfolgsmasche des Pop: kleine, gut durchdachte Lügen, ein paar wohlkalkulierte Provokationen, und all das eingebettet in ein Musik - und Showkonzept, in dem sich Eingängigkeit mit Härte paart, als habe es KMFDM und AIDS nie gegeben.
,,Rammstein, ein Mensch brennt" - glatte Lüge, er tut nur so, in seinem zentnerschweren Schutzanzug. Und doch ist es gegen Ende eines Rammstein-Konzerts, nachdem eineinhalb Stunden lang allerlei Pulver puffte, nicht nur konsequent, dass sich der Sänger selbst anzündet - es ist unvermeidlich. Unvermeidlich als Höhepunkt einer wagnerianischen Inszenierung teutonischer Klangwertarbeit, die Rammstein in den USA zur erfolgreichsten deutschen Rock-Band nach den Scorpions werden ließ. Das ,,wunderbar aggressive Vorkriegskabarett" (H. R. Kunze) mauserte sich zum weltweiten Musikexportschlager. Die Amerikaner, allzeit bereit, sich zu Tode zu amüsieren, schlossen Rammsteins Goofy-Germanentum schneller ins Herz also so mancher bedenkentragender Gutmensch in Deutschland. Sogar jener texanische Sheriff, der beim Rammstein-Konzert in Houston über die Einhaltung der strengen Sittengesetze wachen musste, bekannte nach dem letzten Vorhang: ,,Good Show, no penetration”.
MUTTER, das nach HERZELEID und SEHNSUCHT dritte Einworttitelalbum der Band aus Ost-Berlin und Schwerin, vereint die musikalischen Tugenden der ersten beiden Alben. Dennoch ist es eine echte Totgeburt. Natürlich nur optisch ,,Wir sahen in einer Zeitschrift Fotos von eingelegten Tieren”, erinnert sich Rammstein-Gitarrist Paul Landers an die Entehungsgeschichte der aktuellen Cover-Provokation, ,, und kontaktierten sofort die Fotografen. Es entwickelte sich ein guter Draht, und wir hatten die Idee, uns selbst so fotografieren zu lassen. Die Fotografen waren froh, endlich einmal lebende Objekte vor die Kamera zu bekommen. Es geht in der Arbeit dieser Fotografen darum, im Tod das Schöne zu entdecken - was in unserer Kultur sonst nicht so gesehen wird. Tod wird in unserer Kultur ja immer mit etwas ganz Schrecklichem verbunden. Auf diesen Fotos aber hat er etwas Friedliches, Versöhnliches."
Und ist damit zugleich oberster Marschbefehl für Rammsteins aktuelle Chartattacke. Nicht unbedingt musikalisch - da haben die brachialen Gitarrenkaskaden weiterhin absolute Befehlsgewalt. Textlich jedoch erlaubt sich Rammstein-Vorsänger Till Lindemann unerhörte Zwischentöne, zum Teil fast schon versöhnlich anmutende Weltsichten. Provokation - da waren sich die sechs ausnahmsweise schnell einignutzt sich ab.,,Unsere Aufgabe ist es nicht, im Textbereich so viele Leute wie möglich abzuschrecken", erklärt lenders den lyrischen Reifeprozess. ,,lch glaube, dass es auf Dauer schwer ist, die Leute immer wieder zu schocken. Das kann dann leicht ins Peinliche abrutschen - was bei uns sowieso immer die Gefahr ist. Wir versuchen, gute Texte zu machen und Themen anzuschneiden, die wir vorher noch nicht hatten. Natürlich gibt es immer wieder Überschneidungen, denn im Sudel- und Provokationsbereich ist das Themenspektrum schon recht eng."
Zu Rammsteins klassischen Themen - angewandte Pädophilie, fantasievolle Methoden, Menschen zu zerlegen, allerlei Strafbewehrtes aus den Abgründen des Familenlebens, Nekrophilie und kleine Geschichten aus der Leder- und Gummiwelt - hat die Band längst alles gesagt, was es zu sagen gibt. ,,lch finde unsere neuen Texte genauso schön wie die früheren”, erwehrt sich Landers des Softie-Verdachts. ,,Sie sind vielliecht harmloser, aber dadurch auch schöner. Sie sind erwachsener. "Immerhin - neben Klonenaufstand lebendig begrabenen Kleinkindern, Zwittern und tödlichen Heroindosen kommt auch die gemeine Kopulation nicht zu kurz. ,,Sag ich ja", grinst der Gitarrenmann, ,,im Grunde das alte Programm. Bei ,Scream 3’ weiß man ja auch so ungefähr, wo man im Kino schreien muss.” PETER WAGNER
Paul Landers interview
Rammstein-Gitarrist PAUL LANDERS über Metal-Schwuchteln und stampfende Maschinen.
Auf dem Coverfoto - liegt ihr da in Formalin?
Nee,das ist wasser.
Und warum hat dann keiner außer Drummer Schneider die Augen auf?
Weil wir tot sind.
Ach so. Warum seid ihr tot?
Weil wir in Fomalin liegen. Keiner Spaß.
Das Album heißt aber nicht TOD, sondern MUTTER.
lch hätte MEIN HERZ BRENNT besser gefunden, aber wir wollten unserer Tradition der Einwortnamen treu bleiben. ,,Mutter” ist sicher ein bisschen pathetisch, aber genau das war der Anreiz für uns.
Noch eine Tradition: immer sind elf Songs auf den Alben. Seid ihr eine Elf-Song-Band?
Ich hätte am liebsten nur zehn Songs auf dem Album gehabt. Diesmal hatten wir 30 Songs zur Auswahl. Vom Rest sind zehn in den Mülleimer gewandert, die anderen harren noch eines guten Textes oder warten schon darauf, auf das nächste Album springen zu dürfen.
Früher war Rammstein nicht so fleißig.
Deshalb haben wir das geändert. Aber jetzt war es schon fast zu viel Material. Wenn du 14 Kinder hast, kannst du auch nicht mehr jedem einzelnen die Nase putzen.
Ihr bevorzugt ja auch eine ziemlich umständliche Produktionsweise.
Da hast du völlig Recht. Bei uns werden von Anfang an die Maschinen angeworfen. Im Proberaum spielt immer der Computer mit, und für jede Änderung muss Flake oder Schneider in der Software herumklicken. Das frisst Zeit.
Und killt die Spontaneität.
Nicht unbedingt. In der Vorbereitung für dieses Album haben wir auch ein paar Songs klassisch, ohne Computer, fertig komponiert, die auf der Platte tatsächlich zu höresind. Generell aber ist es unser Schicksal, mit Maschinen zusammenzuspielen. Damit haben wir angefangen, das können wir.
Jetzt könnt ihr sogar Stadionrock: ,,Ich will”, der fast perfekte Publikumsanmacher.
Wir wollten mal ein Lied machen, das nur funktioniert, wenn die Leute richtig mitmachen. Das ist nun leider nicht besonders gut gelungen, vor allem die Mitsingstellen. Das Lied ist innerhalb der Band auch ein bisschen diskutiert worden. Manchem ist es zu schrille. Mir nicht. Ich gehör zu den Leuten, die schrille gut finden.
Klingt nach Lager, die sich auch mal angiften.
Klar gibt es die. Ich werde keine Namen nennen, aber es gibt ein souliges Lager, ein eher ordentliches Lager ein mehr musikalisches Lager, ein Show-fixiertes Lager. Wir versuchen, uns als Band da hindurchzulavieren.
Und so entstehen dann auch ein paar Experimente mit Dance-Rhythmen?
Ja, wir haben versucht, Jungle-Elemente mit einzubringen. Das ist uns nur bedingt gelungen, deshalb ist auf dem Album kaum mehr etwas davon zu hören. Jungle ist für eine schwerfälligere, stampfendere Band wie Rammstein dann doch zu flupsig.
lmmerhin bekennt ihr jetzt endlich offen, wo euer Herz schlägt: ,,Links”. Unter der Brieftasche halt.
Genau. Eine gelungene Antwort auf dieses Generve. Klarer als mit diesem Lied können wir uns wirklich nicht mehr ausdrücken. Wer das jetzt wieder nicht versteht oder verstehen will, dem ist nicht mehr zu helfen.
Würdet ihr denn bei einem Festival ,,Rock gegen Rock gegen rechts” mitspielen?
Wie? Rock gegen was? Also: ,,Rock gegen Rock” würde ich sofort mitmachen. ,,Rock gegen rechts" würden wir auch mitmachen, wenn wir denn Zeit hätten. Udo Lindenberg ist ein privater Freund von Till. Natürlich hat er angefragt.Leider waren wir zu dem Zeitpunkt in Australien auf Tour.
New York, Rio, Tokio - ganz schön fett für eine Band, die 1993 eigentlich nur einen Traum hatte – mit dieser Musik in die ,,Bravo” zu kommen.
Das war nur einer unserer Träume. Mein ganz persönlicher Traum war es, eines Tages mit dem Gitarrenkoffer in der Hand ins Flugzeug zu steigen und irgendwo zu spielen, wo man nur mit dem Flugzeug hinkommt.
Und das mit einer Musik, die nicht unbedingt zwischen Phil Collins und No Angels passt.
Einerseits ist das sicher erstaunlich. Andererseits kann man auch sagen, dass es auf der Welt immer Bedarf für Extreme gibt. Es wird immer Leute geben, die ihre Eltern ärgern wollen.
Hab Metal im Herzen und Mickymaus im Hirn ...
Wir sind keine Metal-Band. Wir benutzen zwar Gitarren und Metal-Riffs, haben ansonsten damit aber nichts zu tun. Wir haben mal auf einem Metal-Festival vor all diesen tätowierten Turnschuhbangern gespielt. Als wir mit unseren Plastikmäntelchen rauskamen, dachten sich die meisten: Was wollen diese Schwuchteln auf unserer Bühne?
Leider war das Haltbarkeitsdatum auf meiner MUTTER verwischt. Wie lange ist Rammstein noch genießbar?
Das ist immer die Gefahr: Wenn man moderne Elemente in seine Musik hineinstrickt, ist die Verfallszeit kürzer. Bei zeitlosen Mitteln ist die Haltbarkeit länger. Wir haben beides - insofern müssen wir einfach mal abwarten. INTERVIEW: PETER WAGNER
INFO RAMMSTEIN
Richard Kruspe (g), Flake Lorenz, (keyb), Till Lindemann (voc), Oliver Riedel (b), Christoph Schneider (dr) und Paul Landers (g) gründeten 1993 die erste Industrial-Metal- Band mit zweideutigen deutschen Texten. David lynch hört das Debüt HERZELEID und verwendete zwei Songs in ,,Lost Highway” (1997). ,, Engel” vom Album SEHNSUCHT wurde Rammsteins erster Top-Ten-Hit. Sado-Maso-Outfit, Riefenstahl-Videos, Flammenwerfer - die Band spielte immer gerne mit dem Feuer Mit Erfolg: Es regnete Platin-Platter, und Rammstein wurde als erste deutschsprachige Band für einen Grammy nominiert. Aktuelle CD: MUTTER (Motor)
© 2005 Sue Lindemann
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