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Mars-Attacke mit Punkrock-Finale – 28 Mai 2001
Von Andy Dallmann
28-Mai-2001 Sächsische Zeitung
Rammstein begeisterte 12 000 Fans in Riesa
Kein flammendes Inferno, keine Dildo-Provokationen, nichts, was auch nur ansatzweise skandaltauglich wäre. Rammstein zelebrierten ihre Show weitgehend als Konzert, auf der vorangegangenen Tour standen eher die Effekte im Mittelpunkt. Eine Art Krawall-Version von Copperfield - damit ist jetzt Schluss. Die 12 000 Fans in der ausverkauften Riesaer SachsenArena kamen am Sonnabend dennoch auf ihre Kosten, selbst wenn sie es möglichst feurig wollten und im Stau bei der An- und Abreise zudem ein paar Nerven ließen. Musikalisch präsentieren sich die sechs Protagonisten der ,,Neuen Deutschen Härte” schließlich gereift, die Songs des aktuellen Albums ,,Mutter” sind nur ein Beleg dafür. Offensichtlich sind auch die Musiker vom wachsenden Wert ihrer Arbeit überzeugt. Ohne schamhaft eingestreute alte Hits servierten sie fast das komplette Album in einem Block.
Frankenstein-lmage
Aus einem über der Bühne schwebenden Kokon rutschten sie zum sphärischen Keyboard-Summen ihres konventionell angetretenen Kollegen Flake Lorenz halbnackt ins spärliche Licht. Einer nach dem anderen bekam seine Trockeneis-Dusche und ein paar belebende Elektroschocks verpasst - Frankensteinsche Geschöpfe, ganz im Sinne des neuen Band-Images. Nebel, Funken und dann flammte es doch. Auf der Bühne und in der Brust von Till Lindemann - ,,Mein Herz brennt”, der Start für die knapp zweistündige Reise in seelische Abgründe klappte furios.
Egal, ob nun ,,Links 2 3 4” als Offenbarung bislang eher verborgener politischer Ansichten zu verstehen ist oder nicht - live entwickelt die Nummer ein hypnotische Wirkung, die nur knapp vom später nachgereichten ,,Ich will” übertroffen wird. An diesem Punkt dürfte sich selbst böswilligsten Gegnern unter kribbelnder Haut der Rücken verspannt haben. Kalkulierte Reaktionen, der Song ist schließlich klar als Mit- brüll-Hymne angelegt, mit nicht kalkulierbarer Wirkung. Sich fallen lassen oder nicht - das war keine Frage mehr.
Keine Liebesschwüre
Erklärungen sparte sich die Band ansonsten, kein Smalltalk mit dem Publikum, keine Mitklatsch-Auf-forderungen, keine Liebesschwüre. Was manchem als Arroganz erschien, ist reines Konzept. Belanglose Sprüche wären der Tod dieser Atmosphäre, die für Rammstein mehr als ein Markenzeichen ist. Unhellschwangere Selbstironie muss sorgsam inszeniert werden, genau das haben die jungs perfekt gemacht.
Einen Griff zurück gestatteten sie sich auch, von den ersten beiden Platten kamen Songs wie ,,Weißes Fleisch”, ,,Asche zu Asche”, ,,Engel” und ,,Du hast” zu neuen Ehren. Das nicht unumstrittene Depeche-Mode-Cover ,,Stripped” rutschte mit rein und bewährte sich bestens. Und zum großen Finale huldigte die Band gemeinsam mit den Musikern von Clawfinger, die das Vorprogramm bestritten hatten, dem Punkrock ,,Pet Sematary” von den Ramones in fröhlichster Session-Manier, da gingen Herzen auf. Eine Würdigung des Ostersonntag gestorbenen Joey Ramone, der ganz im Sinne seines Songs nicht auf dem Friedhof der Kuscheltiere begraben wurde. Von dort holen sich höchstens Rammstein Anregungen für neue Songs. Ein bisschen Grusel mindert ja das Vergnügen nicht.
© 2005 Sue Lindemann
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