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Junge welt Messer review 23-Dec-02
23 Dezember 2002
Schneidend
Feuilleton
von Frank Schäfer
Till Lindemann verbreitet sich lyrisch über das Schamhaar in der Suppe und andere Phänomene unmodernen Lebens
»In den Spiegel seh ich nicht / ich trag die Fackel im Gesicht / ich bin einsam doch nicht allein / Akne und Rosazea werden immer bei mir sein«. Schon im dritten Vers hat der Autor sich beim Metrum verklopft, humpelt der alternierende Rhythmus, und beim letzten stolpert er schließlich über den eigenen Versfuß. Aber diese formale Verwirrung fällt ja hübsch zusammen mit dem ridikülen Geschwätz, das hier strukturiert werden sollte, aber nicht konnte. Diese postexpressionistische Pennälerpoesie stammt vom Rammstein-Frontmann Till Lindemann, und sie ist so trostlos wie ein niedersächsischer Acker, aber der wird wenigstens akkurat gepflügt. »Messer« heißt die kuriose Sammlung aus Fotos und, nun ja, Gedichten, und herausgegeben hat sie der bandeigene Licht- und Pyrodesigner Gert Hof. Selbiger zeichnet auch für die meisten der Bilder verantwortlich, die einen bleich geschminkten, kopfrasierten Lindemann im Latexstrampler zeigen, der mit unterschiedlichen Schaufensterpuppen posiert. Bißchen geschmacklos das Ganze. Muß ja! »Eine Begegnung einer Kunstfigur mit anderen Kunstfiguren« soll das sein, schreibt Hof, und das ist so ziemlich der einzige gerade Satz in seinem ärgerlichen, weil anmaßenden, kopflos prahlerischen und verblasenen Vorwort, das immer wieder neue absurde Wendungen dafür findet, was diese Gedichte alles könnten und wollten und vor allem seien: »ein Riß, der durch die Realität geht«, »Verbale Hinrichtungen, poetischer Suizid«, ein »Fallbeil aus Worten«, »Wunden aus Verzweiflung«, »ein Florett gegen das Mittelmaß, gegen die Verlogenheit«, »lyrische Abrechnung«, »Vollstreckung«, »Fackel«, ja, und manchmal sind diese Gedichte eben auch richtige Kriegsschiffe, »Kriegsschiffe im Aufbruch gegen die Flut der gebrochenen Himmel in uns«. Lange nicht mehr so viel Real-Dada gelesen wie auf diesen anderthalb Seiten. Kinder, Kinder...
Und Lindemanns Gedichte sind nicht besser: infantiles Provo-Geprotze, das sich mit den handwerklichen Mitteln der gymnasialen Oberstufe ausgerechnet der lyrischen Moderne anbiedert, Baudelaire, Rimbaud, Benn et alii hinterherzuschreiben versucht – und daran sind nun wahrlich schon ganz andere gescheitert. Lindemann watet in Blut, Eiter, Rotz, heimwerkert fröhlich unbedarft an Häßlichkeits- und Gewaltvisionen, die ohne das R-Gerolle und das martialische Kettengerassel seiner Band – schwere Zeichen, die ja nicht zuletzt den US-Amerikanern wohlige Gruselschauer über den Rücken laufen lassen, weil sich hier der Deutsche noch einmal so zeigt, wie man ihn sich immer vorgestellt hat, als barabarischen Hunnen resp. Nazi – nichts weiter sind als lachhaft puerile Knittelei, die reine Prätention mithin:
»Wehen Liebeswinde flau / küßt Mann auch die fette Frau / die Seele tief im Wasser liegt / auch Frau nimmt alles was sie kriegt / Du bist jung / und ich bin nett / ich hab ein weiches Doppelbett / jedes Schiff braucht einen Hafen / warum willst du nicht an mir schlafen«. Das ist nicht nur metaphorischer, sondern einmal mehr auch metrischer Murks. Und dabei bekommt man hier laut Hof nur Ausgewähltes zu lesen, das Beste aus »über tausend Gedichten« gewissermaßen! Na dann.
Lindemanns Problem ist seine gänzliche formale Unbedarftheit, die sich mit Härte und einem altmodischen Geniegestus zu camouflieren sucht. Verse wie »Du bist jung / und ich bin nett / ich hab ein weiches Doppelbett« sind so läppisch, daß man sofort an Parodie denken könnte, wenn er mit seinem Leidenspathos und Dickdenkertum nicht immer wieder so penetrant die hehre Kunst für sich beanspruchte. Nein, er meint das alles ganz ernst – lachen muß man trotzdem: »Ich sehe eine Sternenschnuppe / so werd ich von des Schoßes Herde / ein kleines schwarzes Haar befreien / und lege es in meine Suppe«.
So ist Lindemanns Lyrik! Wieder einmal nicht das Salz, nur ein Schamhaar im faden deutschen Poesieeintopf.
* Till Lindemann: Messer. Gedichte und Fotos. Hg. v. Gert Hof. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002, 176 Seiten, 29,90 Euro
© 2005 Sue Lindemann
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